Was wird mich erwarten, wie komme ich mit den Kindern zurecht, wie ist die Landschaft in San Marcos und wie werde ich aufgenommen? Das alles schoss mir kurz vor der Landung in Cordoba durch den Kopf.
Die Aufregung war sehr groß, da ich wusste, bald würde ich im Haus ankommen und meinen zukünftigen Lebensort für das nächste Jahr kennen lernen.
Trotz der Anstrengung der langen Reise, ich war schließlich schon 35 Stunden unterwegs, war die Müdigkeit auf einmal verflogen und ich erwartete gespannt die Landung.
Am Flughafen erwarteten uns Julio und Pati, unsere Mentoren. Sie begrüßten uns herzlich mit Küsschen auf die Wange, was hier allgemein die Begrüßung ist, auch unter Männern.
Ich war überrascht wie gut das Wetter ist, denn hier ist immerhin Winter. Uns erwarteten 20° C mit Sonnenschein. Lediglich an den kahlen Bäumen sahen wir, dass hier kein Sommer ist.
Wir fuhren erst einmal direkt durch Cordoba hindurch, da Julio noch einiges erledigen musste. Mir kam die Stadt nicht wesentlich anders vor als Buenos Aires, aber wir sind ja auch nur durchgefahren.
Vor Cordoba sind die ganzen Armenviertel, was mich schon ziemlich schockiert hat, dort leben Menschen in Wellblechhütten und alles ist sehr zugemüllt. Die Kriminalität ist hier sehr hoch, was ja auch nicht verwunderlich ist.
Dieses Vorstadtmilieu kennen wir auch in Deutschland, nur wird uns ein Leben über dem Minimum ermöglicht, die Menschen hier müssen jeden Tag um ihr Überleben kämpfen und haben kaum Perspektiven. Der Anblick hat mich ziemlich traurig gestimmt.
Nördlich von Cordoba sind die Sierras de Cordoba, eine mittelgroße Gebirgskette, deren höchster Berg mit ungefähr 2800 Metern bemessen ist. San Marcos liegt inmitten dieser Sierras, weshalb uns auf dem Weg einige unglaubliche Ausblicke ermöglicht wurden. Es war eine sehr schöne Kulisse und mich überkam ein Gefühl der Vorfreude auf San Marcos und meinem neuen Zuhause.
Bevor wir nach San Marcos fuhren machten wir noch einen Abstecher zu einem anderen Waisenhaus, weil Julio und Pati ihnen Medizin bringen mussten. Hier war es sehr kalt, da das Haus recht hoch gelegen war. Wir wurden allen mit Küsschen vorgestellt und wurden sehr herzlich begrüßt, aber man merkte auch, dass die Kinder deutsche Freiwillige gewohnt waren.
Wir tranken Tee im Haus der Padres, die Familie, die das Waisenhaus leitet und spielten mit deren Kindern. Ein Mädchen war sehr zutraulich und zeigte mir viele Fotos von ihr als sie klein war. Ihre Geschichte hat mich sehr nachdenklich und traurig gemacht, da sie ein sehr hartes Schicksal hat. Sie hat eine seltene Krankheit, ganz hab ich nicht verstanden warum, aber ihre Haut pellt sich ständig ab. Sie kann nur ihren Daumen bewegen, weil der Rest der Hand zusammengewachsen ist. Sie schien ziemliche Schmerzen zu verspüren und Pati sagte mir, dass sie auch beim Essen immer im Hals Schmerzen hat.
Sie wurde von den Padres adoptiert als sie einen Monat alt war. Die Ärzte meinten sie würde eh bald sterben, „aber mit viel Liebe hat sie überlebt“, meint Pati.
Als wir losfahren wollten ließen die beiden mich kaum gehen, das Mädchen hat gefragt ob ich wiederkomme und ihr Bruder hat sich an mein Bein festgeklammert. Ich habe dann mit dem Bruder ein Wettrennen zur Tür gemacht und ihn anschließend hoch genommen. Das schien die ganze Familie zu belustigen und sie winkten uns freundlich hinterher.
Mittlerweile war ich wirklich sehr müde geworden, da ich schon 40 Stunden unterwegs war und kaum geschlafen hatte.
Endlich kamen wir in San Marcos bei Dunkelheit an und wurden von den drei Hunden mit Bellen begrüßt. Wir wurden allen Kindern vorgestellt und sie fanden das total spannend und stellten mir viele Fragen. Ich war aber kaum noch aufnahmefähig und verstand so gut wie gar nichts, was mich erst ziemlich überforderte.
Pati fragte uns ob wir eine Spinnenphobie hätten, da es in San Marcos Vogelspinnen gibt, die auch in die Zimmer kommen. Sie sind hier aber ungiftig.
Mit diesem Gedanken betrat ich mein Zimmer und ich war leicht erschrocken, denn so hatte ich es mir nicht vorgestellt. Das Zimmer ist insgesamt für 3 Freiwillige und es ist genauso groß wie mein Zimmer Zuhause. An einer Stelle soll es reinregnen und in der Wand ist ein Loch, wodurch nachts die Tiere reinkommen. Die Matratzen sind durchgelegen und mottenzerfressen. Das alles störte mich in dem Moment wenig und ich schlief beinahe sofort ein. Mittlerweile hab ich mich an das Zimmer gewöhnt und habe mich damit arrangiert. Ich bin hier schließlich in einem Waisenhaus und muss mich den Umständen anpassen.
Am nächsten Tag bin ich erst zum Mittagessen aufgestanden und konnte alle jetzt auch besser verstehen und auf sie eingehen. Es lag scheinbar wirklich nur an der Müdigkeit. Es fällt mir trotzdem sehr schwer die Kinder zu verstehen, da sie einen sehr starken Akzent haben, aber ihnen macht das nicht viel aus sie reden einfach weiter.
Viele der Kinder sind sehr anhänglich und zutraulich, was mir gut gefällt, auch wenn es manchmal sehr anstrengend ist.
Die Freiwilligen heißen hier Tios, was so viel heißt wie Onkel, ich bin also der „Tio Leon“, was die Kinder gerne mit einer ohrenbetäubenden Lautstärke herausschreien. Besonders die chiquitas, die kleinsten der Kinder im Waisenhaus wollen ständig meine Aufmerksamkeit und es fällt mir schwer mal eine ruhige Minute zu haben. Die chiquitas schlafen auch im Zimmer neben mir, damit ich schnell zur Stelle bin, falls was ist in der Nacht und ich muss mir mit ihnen das Bad teilen. Das gab gleich am ersten Morgen Probleme, als ich geduscht hab und eines der Kinder auf Toilette musste.
Gestern gab es einen Zwischenfall, als ich die Kinder beim Schaukeln angestoßen habe, eines der Seile ist gerissen und das Mädchen ist mit dem Gesicht in den Sand gefallen und hat sich das Gesicht aufgeratscht und sehr viel Sand und Steine in den Mund bekommen. Das tat mir sehr Leid und ich habe mir einige Vorwürfe gemacht, ich werde sie in Zukunft nichtmehr so stark anschubsen.
Noch kann ich im Prinzip machen was ich möchte, ich muss noch nicht arbeiten und versuche alle Kinder besser kennen zu lernen und spiele viel mit ihnen. Insbesondere Fußball und die chiquitas aufs Gerüst heben ist meine Hauptbeschäftigung.
Außerdem versuche ich zu helfen wo ich kann, aber so viel Arbeit will mir hier noch keiner aufdrücken. Montag fangen wir langsam mit vier Stunden pro Tag an und wir bekommen dann erklärt was unsere Hauptaufgaben sind und was wir tun müssen. Ich bin sehr gespannt.
Heute Abend wollen Derya (die Frewillige, die mit mir angereist ist) und ich uns das Dorf mit Frieda angucken, ein Freiwilliger, der schon ein Jahr hier ist.
Soviel zu meinen ersten drei Tagen, sie waren sehr ereignisreich und ich konnte auch nicht alles beschreiben. Jetzt werde ich erstmal wieder rausgehen und weiter mit den Kindern spielen.
Bis dann!