Archive for September, 2010

El hogar y los chicos (Das Heim und die Kinder)

Mittwoch, September 22nd, 2010

Der Alltag ist eingekehrt!
Ich arbeite jetzt schon seit ungefähr einer Woche Vollzeit und so langsam gewöhne ich mich an die Arbeit, weiß was ich zu tun habe und die Kinder können mir seltener einen vom Himmel erzählen.
Ich muss jeden Tag 7 Stunden arbeiten, die Frühschicht geht von 7:00 bis 14:00 Uhr und die Spätschicht von 14:00 bis 21:00 Uhr. Meistens haben wir Spätschicht, da dort mehr Arbeit anliegt, weil die Kinder nachmittags da sind und sie sich dann baden müssen (hora del bano). Wir arbeiten auch an den Wochenenden, da dort die freien Tage der Mitarbeiter sind und deshalb sehr viel Arbeit anliegt. Ich habe lediglich einen freien Tag innerhalb der Woche.
Bis jetzt komm ich damit ganz gut zurecht, auch weil die Wochenenden komischerweise nicht ganz so anstrengend sind. Ich glaube das liegt daran, dass die Kinder insgesamt entspannter und besser drauf sind.
Was sind meine Aufgaben? Schwer zu sagen, das meiste ist kontrollieren, kontrollieren und kontrollieren. Es sind insgesamt um die 30 Kinder, jeder Altersklasse, da ist es logisch, dass sie gerne Blödsinn machen und auch gerne die Unwissenheit der Tios ausnutzen, um sich selbst einen Vorteil zu verschaffen.
Ich bin also dafür verantwortlich, dass die Kinder machen was sie sollen und das auch richtig machen. Bei der hora del bano äußert sich das darin, dass ich kontrollieren muss, ob sich alle mit Seife gewaschen haben und sich auch überall gewaschen haben. Die Kinder dürfen auch nicht alleine in die ropería, also den Raum, wo die Kleidung aufbewahrt wird. Das bedeutet wir müssen geschätzte 20 mal pro Schicht mit ihnen dorthin gehen, damit sie sich die Kleidung heraussuchen können. Oft muss ich auch einfach im Comedor sitzen, dem Gemeinschaftsraum, und aufpassen, dass die Kinder leise sind beim fernsehen (!!!), oder nicht in die Küche gehen und sich Essen klauen.
Das ist mitunter eine Sache die ich nicht wirklich verstehe, beim Essen ist laut sein verboten, aber der Fernseher läuft! Die Kinder dürfen also nicht laut reden, damit sie in Ruhe fernsehen können, ich finde das nicht richtig, ist aber die andere Mentalität. (ich habe mir schon oft böse Blicke der Mitarbeiter eingefangen, wenn ich mit den Kindern beim Essen geredet oder mit ihnen rumgealbert habe. Ich weiß ihr könnt euch das gerade bildlich vorstellen!)
Mir geht das ziemlich auf die Nerven ständig wegen einer Kleinigkeit in die roperia zu rennen, zumal die Kinder eigentlich wissen, dass sie sich vor dem Duschen ihre Klamotten zusammensuchen müssen. Ich habe mir also angewöhnt mit allen Kindern zusammen, vor der hora del bano in die roperia zu gehen, damit so etwas nicht passiert. Diejenigen die mich ärgern wollen, gehen dann nicht mit und schicken mich später wenn sie unter der Dusche stehen. Wenn eines der Kinder das macht, lass ich es auch gerne mal eine viertel Stunde da stehen, damit es lernt, mich das nächste mal nicht zu ärgern.
Auch deswegen, wahrscheinlich, gelte ich hier unter den Kindern als der böse Tio. Ich kann es mir zwar nicht wirklich vorstellen, aber Tina hat mir bestätigt, dass ich manchmal doch etwas streng mit den Kindern bin. Einerseits ist das gut, da die Kinder so respektvoll mit mir umgehen und ich es leichter habe, da sie auf mich hören und machen was ich ihnen sage. Andererseits möchte ich nicht der böse Tio sein, verständlicherweise. Ich denke man muss hier einen gesunden Mittelweg finden und das versuche ich. Wenn ich mit den Kindern spiele, nett zu ihnen sein, mit ihnen Spaß haben und auch zu scherzen aufgelegt sein, aber sobald es um die Arbeit geht, also abwaschen, baden, oder alles andere was die Kinder tun müssen, hart bleiben und auch streng mit ihnen sein.
Eigentlich habe ich sehr guten Zugang zu den Kindern, verstehe mich mit ihnen gut und ich glaube sie mögen mich auch ganz gerne. Ich habe sie mittlerweile ausnahmslos ans Herz geschlossen und gerade deswegen tut es mir furchtbar Leid, dass ihnen soviel schreckliches widerfahren ist.
Absolut alle Kinder hier haben eine schlimme Vergangenheit, sei es, dass sie sehr schlecht behandelt wurden, in sehr armen Familien aufgewachsen sind, auf der Straße gelebt haben, einfach nur Pech im Leben hatten, oder, wie die meisten hier, sexuell missbraucht wurden. Ich möchte hier nicht weiter ins Detail gehen, heute morgen hatten wir ein Treffen mit Patri wo sie uns die einzelnen Geschichten der Kinder erzählt hat, nur so viel, ich bin immer noch zutiefst schockiert und kann nicht verstehen wie man gerade Kindern so etwas antun kann.
Es ist klar, dass keiner hier unter normalen Verhältnissen aufgewachsen ist und jedes der Kinder geht anders damit um. Sei es Neigung zur Gewalt, Depression, suche nach Zuneigung oder eine gespaltene Persönlichkeit. Es ist gerade für uns Tios manchmal schwierig damit umzugehen, da jedes Kind sich anders verhält und wir uns auf jedes Kind anders einstellen müssen. Man kann hier von den Kindern keine normalen Verhaltensweisen erwarten und gerade deshalb ist es in manchen Situationen echt schwer. Hier sind auch mehrere stark bis weniger stark geistig Behinderte Kinder, was das Ganze nicht gerade leichter macht. Manchmal habe ich Angst die Kinder an ihren Schwachpunkten zu treffen und in ihnen ein Trauma auszulösen, weswegen ich manchmal echt vorsichtig sein muss. Bei Kindern die oft geschlagen wurden, sollen wir zum Beispiel die Hände hinter den Rücken nehmen, wenn wir mit ihnen schimpfen.
Schwierig sind auch die Kinder, die auf niemanden hören und immer frech und respektlos gegenüber den Tios sind. Da weiß ich manchmal echt nicht weiter und hole einen Mitarbeiter zu Hilfe, der sie dann anschreit und ausschimpft. Dabei komme ich mir immer total mies vor, wie eine Petze und jemand der sich nicht wehren kann. Aber dann frag ich mich auch, was ich stattdessen hätte machen können und wie Patri das schon richtig gesagt hat, es ist nicht unsere Aufgabe und liegt schon gar nicht in unseren Möglichkeiten, die Kinder auszuschimpfen und ihnen Grenzen zu setzen. Soweit wir das können ist das gut, aber wir sind dazu angehalten, die Mitarbeiter um Hilfe zu bitten, wenn wir nicht mehr weiter wissen.
Gerade die Sprachbarriere macht das oft ganz schön schwer. Stellt euch vor, ihr seid wütend auf jemanden und schimpft mit ihm und auf einmal fehlt euch ein Wort, ihr sucht nach Alternativen, versucht das Wort zu umschreiben. Das ist Lächerlich! Ich würde auch auf keinen hören der nicht einmal vernünftig sprechen kann, zumal mein Zorn meistens schon wieder verflogen ist, wenn ich über mich selbst lachen muss, wie ich da nach Worten ringe.
Ich bewege mich hier oft auf einem Grat, zwischen Mitleid und Wut. Einerseits will ich, dass die Kinder machen was ich ihnen sage, dass sie mich nicht nerven und mich nicht anlügen, aber andererseits weiß ich auch warum sie die Sachen tun, warum sie mich nerven, mich anlügen. Eigentlich ist es tragisch, aber ich kann sie nicht aus Mitleid anders behandeln, das würde ihnen nicht helfen und mir schon gar nicht. Zum Beispiel die Kinder die ankommen und kuscheln wollen und damit sind nicht nur die kleinen gemeint. Ich möchte nicht, dass ein 16 jähriger Junge ankommt und mit mir kuscheln will. Ich weiß aber auch warum er das tut und dass er da eigentlich nichts für kann, aber ich muss ihm trotzdem die Grenzen setzen und sauer auf ihn sein, denn sonst würde er nicht auf mich hören.
Die Kinder tun mir oft echt Leid, ich kann ihre Situation nur zu gut nachvollziehen. Ich selbst lebe ja mit hier im Heim und merke wie anstrengend das ist, ständig dem Lärmpegel ausgesetzt zu sein, keine Privatsphäre zu haben und ständig unter Leuten zu sein. Nur ich habe noch den Vorteil, dass ich hier arbeite, also während meiner Freizeit machen kann was ich möchte, auch mal Abstand gewinnen kann, ins Dorf gehen oder dergleichen. Außerdem hab ich mein eigenes Geld, kann mir mal was leisten, mir was für mich im Dorf kaufen, habe meinen eigenen Besitz. Außerdem teil ich mir das Zimmer nur mit einer weiteren Person, die Kinder schlafen zu sechst.
Ich stell mir das ganz schön heftig vor, sie haben keine Privatsphäre, keinen Besitz, hocken immer zusammen, müssen immer alles mit allen teilen und haben dazu noch jeder seine eigenen Probleme.
So etwas stimmt mich traurig, ich sehe eine entschwundene Kindheit, ein Kinderleben in strukturierten Abläufen, ohne Freiheiten. Aber dann sag ich mir, es könnte noch viel schlimmer sein, ich stell mir vor sie wären noch in ihren Familien und würden jeden Tag aufs neue die Grausamkeiten erleben. Dann bin ich froh, dass sie hier wenigstens Leben können, ohne Angst zu haben und auch genug zu Essen haben.
Ich möchte nicht wissen wie viel schlimmes da draußen noch passiert, die Kinder, die niemand findet, wo die Gräueltaten nicht ans Licht kommen, diejenigen die ein Leben dazu verdammt sind. Dann tun die tragischen Kinder ihren eigenen Kindern wiederum grausames an, weil sie es nicht anders gewohnt sind und so wiederholt sich der Zyklus.