Archive for Oktober, 2010

Ereignisreiche Tage

Freitag, Oktober 15th, 2010

So, endlich mal wieder Nachrichten vom gestressten Leon. Gestresst ist vielleicht etwas untertrieben, überfordert trifft es wahrscheinlich besser, aber ich fange am besten von vorne an:

Letzte Woche sind bei uns im Heim sechs neue Kinder angekommen, damit sind es jetzt insgesamt über dreißig Kinder.

Ich muss mich natürlich mal wieder daran halten keine Namen zu nennen und auch nicht allzu viel über deren Hintergrund zu erzählen aber ich werde es kurz anschneiden, damit ihr unsere Situation versteht.

Die sechs haben, bevor sie zu uns kamen auf der Straße gelebt (mehr von der tragischen Geschichte möchte ich nicht erzählen, auch wenn wir selbst nicht viel mehr über sie wissen). Sie wurden Abends aus Cordoba hergebracht und waren in einem schrecklich vernachlässigtem Zustand. Die Haare komplett verfilzt, viel zu lang und voller Läuse. Eines der Kinder hatte sogar eine Abart der Läuse die sich unter die Kopfhaut fressen… kein schöner Anblick. Sie waren komplett schmutzig, die Klamotten zerissen und die Schuhe zerfleddert, sodass mehr Fuß als Schuh zu sehen war. Den Geruch möchte ich zu eurem Schutz nicht näher schildern!

Das erste was wir gemacht haben, war alle Kinder ordentlich zu baden (natürlich in unserem Bad, wo denn auch sonst!), sie in neue Klamotten zu stecken und die Läuse herauszukämmen. Danach musste unser Bad komplett gereinigt und desinfiziert werden. Zu allem Überfluss lief dann eine Sehr große Tarantel durch den Flur, die Julio kurzerhand zertrat, die Folge war eine zuckende Tarantel auf dem Boden, die gelbes Sekret absonderte. Die Tarantel entfernen und den Boden saubermachen? Nein warum denn auch, das einzige was passierte ist, dass sie vor die Tür getreten wurde, zur Freude der Hunde.

Die erste Nacht verlief recht ruhig, die neuen Kinder schliefen recht schnell ein und ich habe zum Glück den Morgen verschlafen, da ich Spätschicht hatte. Tina zur Folge muss es aber grauenhaft gewesen sein und ich konnte es am Nachmittag nur bestätigen.

Die Kinder haben wie gesagt auf der Straße gelebt, in kompletter Freiheit und konnten machen was sie wollen. Das bedeutet, sie kennen keine Regeln, keine Grenzen und wollen diese natürlich auch nicht akzeptieren. Harmlos ist noch wenn sie die anderen Kinder schlagen, schlimmer ist es wenn sie mich schlagen und hart auf hart kommt es wenn sie die großen Steine vom Boden aufheben!

Die ersten 2 Tage waren die neuen fast durchgehend in penitencia, das ist hier die Erziehungsmethode, die Kinder müssen solange mit dem Kopf zur Wand in einer Ecke stehen, bis der Tio, der sie in penitencia geschickt hat sie wieder aufhebt.

Normalerweise ist das überhaupt nicht meine Methode und auch nicht das was ich mir unter einer guten Erziehung vorstelle, aber unter diesen Umständen glaube ich ist es gut, dass die neuen mit einer sehr harten Methode konfrontiert werden.

Die erste Badestunde war auch ein Ereignis für sich. Ich hatte die tolle Aufgabe den beiden Jungs zu erklären wie hier das Baden abläuft, sie fanden es aber witziger mich mit dreckigen Unterhosen zu bewerfen, als mir zuzuhören. Zum Glück habe ich eine ziemlich laute Stimme und kann für die Kinder sehr autoritär wirken, sodass die beiden das schnell gelassen haben und zumindest für kurze Zeit getan haben, was ich ihnen gesagt habe.

Als ich dann mit einem der beiden zum Handtuch aufhängen gelaufen bin, fragt er mich: „Wie weit ist es bis zu mir Nachhause? Kann man laufen?“ und auf das Stichwort rannte er los. Ich bin kurz völlig Perplex stehen geblieben, bis ich realisiert habe, dass er gerade versucht auszureißen und die 160km nach Cordoba zu Fuß zu laufen. Zum Glück war er noch sehr klein, sodass er nicht allzu schnell rennen konnte, ich hatte ihn nach einer Minute eingeholt.

Der Höhepunkt war dann das ins Bett bringen der drei kleinsten, die größte wollte unbedingt noch Aufbleiben und weiter spielen und fing wie aus dem Nichts an bitterlich zu weinen. Die beiden kleineren haben sie mit großen Augen angeguckt und nach einer kurzen Bedenkzeit haben sie sich dazu entschlossen einfach mit zu weinen. Und da war der ganze Spaß im Gange!

Die Größte ist ziemlich ausgerastet, hat um sich geschlagen und um sich getreten, ich musste sie ziemlich anbrüllen, damit sie damit aufhört. Das hatte natürlich zur Folge das alle noch viel lauter und heftiger weinten. Alle schrien nach ihrer Mutter und beruhigten sich überhaupt nicht. Ich wusste überhaupt nicht was ich tun sollte. Einerseits beruhigen hatte keinen Sinn, was hätte ich denn auch sagen sollen und außerdem wären sie sofort ausgerastet sobald ich näher gekommen wäre und andererseits streng sein, auszuschimpfen oder ähnliches hätte ein längeres und lauteres Weinen zur Folge.

Zum Glück waren die Kinder nach etwa einer Stunde so Müde, dass sie dann endlich einschliefen, aber aufgehört zu weinen hatte in der Zeit keine.

Die 3 Mädchen (es ist noch eine Freiwillige dazu gekommen) meinten Nachts wäre noch eines der Kinder aufgewacht und hätte nach ihrer Mutter geschrien, das hab ich aber höchstens im Traum mitbekommen. Der Vorteil hier ist, dass man lernt unter allen Bedingungen gut zu schlafen!

Mittlerweile haben die Kinder sich ganz gut eingelebt, wissen was sie dürfen und was nicht und heulen auch nicht mehr jeden Abend. Die Jungs hören jetzt meisten auf die Tios was glaube ich auch an der harten penitencia liegt. Ich hab übrigens noch niemanden in penitencia geschickt, obwohl ich einmal kurz davor war.

Die drei kleinsten sind sogar richtig süß, auch wenn es anstrengend ist mit ihnen zu spielen, weil sie überhaupt nicht wissen, wie sie miteinander umzugehen haben.

Das merkwürdige ist, dass mir jetzt die anderen Kinder total lieb und ziemlich vernünftig vorkommen. Ich weiß nicht ob es daran liegt, dass sie so ein starkes Negativbeispiel sehen und sich deswegen tatsächlich besser verhalten, oder ob es mir wirklich nur so vorkommt, weil ich den starken Kontrast sehe. So oder so bin ich froh, dass sie hier alle einigermaßen gut aufwachsen, denn ich will nicht wissen, wie sich einige der älteren Kinder verhalten haben als sie angekommen sind!

Nun aber zu etwas erfreulicheren Ereignissen, wovon ich hier auch sehr viele erlebe. Und nur falls ihr es wissen wollt, die Arbeit macht mir nach wie vor Spaß und ich fühle mich wohl.

Letzten Freitag war hier im Dorf eine Peña, das ist ein Folklore Musikfestival, wo Chakalera gespielt wird. Das besondere daran ist, dass es kein festgelegtes Programm gibt, sondern jeder spielen kann der will und natürlich der es kann. Es gibt hier etwa alle ein bis zwei Monate eine Peña.

Wir Freiwilligen sind dann zusammen dort hingegangen und haben Empanadas gegessen, Wein getrunken und ich habe ein bisschen meine erworbenen Chakalera Tanzkünste unter Beweis gestellt.

Alles in allem war es ein toller Abend und wir hatten sehr viel Spaß.

Am nächsten Abend war dann die Geburtstagsfeier von Facundo, dem Sohn von Julio und Patri. Er ist 18 geworden, was auch hier ein Grund ist ordentlich zu feiern, da man auch mit 18 volljährig wird.

Die Feier war etwas anders als ich mir eine derartige Feier in Deutschland vorstelle, ich weiß nicht ob das immer so ist oder nur hier im Heim. Jedenfalls war Abends die Familie eingeladen, die Freunde von Facundo und die etwas älteren Kinder durften auch lange Aufbleiben. Das Ganze hat eine sehr gemischte Alterskombination, die von geschätzt 10 bis 80 und allem dazwischen reichte.

Draußen waren Dekoration und Tanzfläche aufgebaut und drinnen Tische und (ihr habt es bereits erraten) eine riesige Menge an Essen. Ich hatte den ganzen Tag kaum was gegessen, weil ich wusste, dass es Abends soviel gibt, sodass ich ziemlichen Hunger hatte und ordentlich in mich reinschaufelte als es losging. Zum Glück ging es allen anderen genauso und auch mit dem sehr merkwürdigen Gefühl im Bauch, nach dem Festmahl, war ich nicht alleine.

Das witzigste überhaupt war die Fotoshow. Patri hatte extra für Facundo eine Fotoshow zusammen gestellt. Fotos aus seinem ganzen Leben und auch eine Menge Babyfotos. Schamlos wurden sie der versammelten Gesellschaft vorgestellt. Das Video ging insgesamt um die zehn Minuten. Nach etwa drei Minuten wurde es mir schon ziemlich langweilig, da die etwa 50 Babyfotos sich kaum voneinander unterschieden. Ich quälte mich durch die zehn Minuten und gönnte Facundo seinen Scham. Als die Show endlich zu Ende war atmeten alle erleichtert auf (Facundo am lautesten). Blöd nur, dass die Oma gerade auf Toilette gewesen war. Nochmal zehn Minuten Babyfotos! Zeit für mich wieder zum Buffet zu verschwinden. Auch damit war ich nicht der einzige, was vielleicht die weit um sich greifende Trägheit im Verlauf des Abends erklärt.

Die letzten drei Tage waren wir dann damit beschäftigt die Reste der Feier zu vertilgen. Patri erzählte uns müde, dass sowas ständig mit Julio passiert, immer denke er es wäre zu wenig Essen da und kaufe mehr als doppelt soviel ein, wie benötigt. Wie dem auch sei, die Kinder freuten sich über das leckere Essen und ich war auch froh, dass ich noch Gelegenheit hatte die Nachtische zu probieren, die am Abend auf keinen Fall mehr reingingen (außer ein paar).

Gestern sind dann Tobi und ich an unserem freien Tag mit Julio nach Cordoba gefahren und haben uns die Stadt angeguckt und ein bisschen eingekauft, denn hier im Dorf bekommt man wirklich nur das Nötigste.

Die Stadt gefiel mir, entgegen der Erwartung, ziemlich gut. Ich bin ja schon einmal mit Julio durch Cordoba gefahren und da war das einzige was ich gesehen habe Industrie, verstopfte Straßen, ein Gebäude nach dem anderen und Lärm und Gestank. Im Zentrum allerdings offenbarten sich nette kleine Gassen, die zum Bummeln einluden und man konnte sich wunderbar treiben lassen. Außerhalb der Fußgängerzone wurde es leider wieder viel zu ungemütlich, als dass ich Cordoba wirklich als schön bezeichnen könnte, aber die Fußgängerzone war es allemal.

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Derya, Tobi, Loro und ich auf der Pena

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Tobi, ich und eines der Mädchen auf Facus Geburtstag

ich beim Chakalera

ich beim Chakalera

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Die Plaza in San Marcos

La Quebrada (dort setz ich mich immer zum lesen hin)

La Quebrada (dort setz ich mich immer zum lesen hin)