Archive for Oktober, 2010

Patriotismus

Sonntag, Oktober 3rd, 2010

 

Jetzt wird es endlich Zeit mal wieder einen neuen Beitrag zu schreiben, ich komm den Ereignissen schon gar nicht mehr hinterher. Ich fange am besten mit dem beliebtesten Gesprächsthema an, wenn man nicht weiß was man sagen soll:

Wir haben hier jetzt schon seit einiger Zeit Frühling, hört sich prinzipiell gut an, ist es bis jetzt aber eher weniger. September, September, will uns das Wetter wohl sagen! Einen Tag zum scherzen gibt es am 1. September zwar nicht, aber ich fühle mich direkt in den April hineinversetzt.

Die Temperaturen wechseln von Tag zu Tag, mal ist es warm und manchmal extrem kalt, je nachdem, ob die Sonne scheint oder nicht. Manchmal sieht es total nach Regen aus und es passiert überhaupt nichts, manchmal ist wolkenloser Himmel und innerhalb von 10 Minuten zieht ein heftiges Gewitter auf. Sogar gehagelt hat es schon!

Im Winter und Herbst soll es hier nicht geregnet haben, das heißt es ist seit ungefähr 9 Monaten staubtrocken. Ihr könnt euch vorstellen, was es für ein Segen war, als es einen Monat nach meiner Ankunft endlich anfing aus allen Eimern zu schütten. Und sogar ich muss sagen, ich hab auch ein bisschen den Regen vermisst (ich hätte nie gedacht, dass ich das je in meinem Leben sagen würde)!

Das Wetter im Moment ist gerade für uns Tios ziemlich nervig, da wir diejenigen sind, die sich um die Wäsche kümmern. Es ist ziemlich frustrierend ein und dieselbe Wäsche fünfmal auf- und abzuhängen. Wenn es den ganzen Tag über regnet haben wir immerhin einen Trockner, der die Wäsche in 2 Stunden etwa so gut trocknet, als würde sie 5 Minuten an der Leine hängen. Soll heißen, gar nicht!

 

So langsam, dachte ich mir, sei es wieder nötig zum Friseur zu gehen. Ich hab all meinen Mut zusammen gefasst und bin zu der Dorffriseurin gegangen. Die Wegbeschreibung lautete etwa so: „Direkt beim Estadio die Straße überqueren, beim Haus an der Ecke an die Tür klopfen und fragen, ob sie gerade Zeit hat dir die Haare zu schneiden.“ Gesagt, getan, die Tür war geöffnet und ich streckte meinen Kopf hinein und rief laut „Hola“ In dem Wohnzimmer saß ein kleiner Junge der grade Spongebob geguckt hat. Ich erklärte der Mutter, was ich wollte und sie setzte mich direkt in eine Ecke gegenüber vom Fernseher vor einen Spiegel. Der interessanteste Friseurbesuch den ich je hatte! Sie fragte mich wie ich es denn gerne hätte und ich antwortet einfach nur „kürzer“. Sie fragte nicht weiter nach und fing direkt an mit schneiden. Mit Spongebob auf Spanisch im Spiegel verging die Zeit schneller als gedacht. Sie hat mir die Haare, welch Wunder, tatsächlich kürzer geschnitten, jedoch viel kürzer als gedacht. Ich hätte vielleicht konkreter sein sollen, denn jetzt sind sie etwa 1-2cm kurz! Naja… wenigstens hat das Ganze nur 3€ gekostet und sie hat sie sogar recht gut geschnitten. Ich musste mich erst einmal daran gewöhnen, aber jetzt gefällts mir gut. Die Kinder fanden das natürlich zum schreien und haben mich alle ausgelacht und meinten „Tio Leon, que feo tu pelo!“ Beruhigend, dass mir einige später zugeflüstert haben, dass sie es eigentlich viel besser finden als vorher.

 

Letzte Woche waren wir Billard spielen in einer Kneipe hier im Dorf. Blöderweise sind hier alle extrem gut im Billard spielen, sodass wir ungefähr jedes Spiel verloren haben. Ich vermute mal das liegt daran, dass man hier jedes mal, bevor man in die Dorfdisko geht, erst in die Billardkneipe „El Coyote“ geht. Die Disko macht nämlich erst um 2 Uhr auf und schließt um 5Uhr.

Es war ein sehr interessanter Abend, denn ich habe sehr viele Leute kennen gelernt und mich lange mit ihnen unterhalten. Das nervige am Leute kennenlernen, wenn sie schon etwas getrunken haben ist, dass gleich alle „Heil Hitler“ sagen, sobald sie herausfinden, dass du Deutscher bist. Die gleiche Erfahrung habe ich auch schon in Chile gemacht, wo mein Spanisch aber nicht so gut war, dass ich empört widersprechen konnte, jetzt kann ich zum Glück jedem klar machen, dass es so ziemlich das schlimmste ist, was man einem Deutschen sagen kann und es sie ziemlich stört, ja sogar verletzt. Komischerweise wissen das auch alle, wahrscheinlich wollten sie mich nur ärgern und aufziehen. Einen blöden Kommentar über die Militärdiktatur in Argentinien hab ich dann stecken lassen. Zu meiner Beruhigung haben das auch nur die Jugendlichen gesagt, die etwas älteren haben sich Bezüge zum Nazideutschland verkniffen.

Aber wie das so ist, habe ich gleich mit einem 15 jährigen eine Diskussion angefangen. Er war einer der wenigen, die sich nicht über Deutschlands Vergangenheit lustig gemacht haben und sobald er merkte, dass ich heftig widersprochen hab und keinesfalls eine rechte Einstellung habe, fing er an sich aufs heftigste über die derzeitige Situation Argentiniens zu beschweren.

Er fing an mir zu erklären, dass Nazis in Argentinien, bis vor kurzem, gar nichts schlechtes waren. Das liegt daran, dass nach dem 2. Weltkrieg viele Nazis nach Argentinien ausgewandert sind und viel Geld und Schätze mitbrachten. Außerdem haben sich viele Nazis in hohen Positionen niedergelassen und viele waren technisch fortgeschrittener und gelehrter als die meisten Argentinier damals. Das alles bescherte Argentinien einen wirtschaftlichen Aufschwung. Die positive Einstellung gegenüber Nazis hat also nur ökonomischen Hintergrund und hat nichts mit Ideologie zu tun.

Er erklärte mir außerdem, dass sich das Bild mittlerweile gewandelt hätte, die Leute seien gebildeter, in der Schule wird unter anderem auch deutsche Geschichte unterrichtet und die Leute wüssten jetzt besser, was die Nationalsozialisten wirklich getan haben.

Unsere Diskussion ging weiter über Raubbau an der Natur, Korruption, Weltwirtschaftskrise und Argentiniens derzeitige Situation. Ich war beeindruckt wie viel der Junge wusste und wie sehr ihn die Politik interessierte und wütend machte. Ich hätte nicht gedacht, dass hier schon so ein Bewusstsein zum Schutz der Natur existiert.

Ihr müsst euch natürlich vor Augen halten, dass ich gerade einen 15 jährigen Jungen wiedergebe und vielleicht nicht alles ganz der Wahrheit entspricht, aber er klang sehr glaubwürdig und ich bin der Überzeugung, dass das meiste wirklich stimmt.

Was aber wirklich das interessanteste ist und was mir wirklich zu denken gegeben hat ist, dass ich ein paar Tage später fast genau das gleiche Gespräch mit einem Bauarbeiter hatte. Er erzählte mir von der großen Ungerechtigkeit in Argentinien, die geringen Löhne und die immens hohen Lebenskosten (sie sind immerhin vergleichbar mit europäischen Standards), dass Politiker Gelder veruntreuen und danach Freigesprochen würden, weil sie sich einfach wieder freikaufen, die ungerechte Vergangenheit Lateinamerikas im Kontext der Conquista und dass sich heute nichts geändert hätte im Vergleich zu damals. Er meinte das Beste sei, nach Deutschland auszuwandern, in Deutschland wäre ja alles toll, das Leben sei gesichert, die Politik stimme, und es würde allen Menschen gut gehen. Aber es wäre ja soo schwer in Deutschland einzuwandern und im Vergleich so einfach nach Argentinien zu kommen, was der Wirtschaft auch nicht weiterhelfe.

Dieses Bild hat mir stark zu denken gegeben, was hatte ich denn für ein Bild von Argentinien, beziehungsweise was haben die meisten Deutschen für ein Bild von Argentinien, das Bild des Bauarbeiters war sehr eingeschränkt und unwahr, aber ist denn unser Bild nicht genauso schlecht?

In Deutschland hat zwar jeder eine gesetzliche Krankenversicherung, die Sicherheit auf Arbeitslosengeld, die Politik ist nicht ganz so korrupt und die Justiz funktioniert auch meistens gut. Aber ich weiß, es ist nicht perfekt und längst nicht so, wie es sich der Bauarbeiter vorstellt.

Im Vergleich ist unser Bild von Argentinien genauso einseitig. Ich hab vor meiner Abreise oft genug komische Kommentare gehört und viele glauben, dass es sehr schlecht mit dem Land steht. Hier habe ich ganz andere Erfahrung gemacht, natürlich ist es (wieder) ein Entwicklungsland und es ist auch klar, dass hier nicht die Lebensstandards Europas erreicht werden und es gibt sehr viel Armut. Andererseits ist hier eine ganz andere Lebensphilosophie, im positiven Sinne. Viele Menschen können auch hier über dem Minimum leben, auch wenn es schwieriger ist. Die Korruption lässt sich nicht abstreiten, aber ganz ehrlich, sieht es in Italien anders aus? Und da haben wir nicht das Bild eines unterentwickelten Landes.

(Hierzu habe ich mir eine Interessante Frage gestellt, oft ist es so, dass in den Ländern wo viel Korruption herrscht und eine unsichere Politik betrieben wird, die Menschen viel spontaner und temperamentvoller sind. Entspringt nun die Mentalität aus der Politik, oder die Politik aus der Mentalität? In Deutschland ist es das andere Extrem.)

Allgemein sollte man aufpassen, mit den Bildern die man hat, man kann sich oft täuschen und sein Weltbild aus falschen Eindrücken aufbauen.

An einer Stelle muss ich dem Bauarbeiter recht geben, er hat gesagt, er kann kein Zugehörigkeitsgefühl zu seinem Land aufbauen, er empfindet keinen Patriotismus. Nicht, dass ich Patriotismus gut finde, aber man sollte sich heimisch und zugehörig fühlen. Ich stelle es mir extrem schwierig vor, sich in einem Land heimisch zu fühlen, dass von so viel unterschiedlichen Kulturen geprägt ist, es gibt nichts, was typisch ist. Außerdem kann man der Politik, Justiz, etc. nicht trauen, man denkt, die Wirtschaft ist eh zugrunde gerichtet und das Land macht sowieso alles falsch. Wie kann man da Zugehörigkeit empfinden?

Vielleicht ist gerade deswegen Diego Maradonna so wichtig?!