Archive for November, 2010

Parilla

Samstag, November 6th, 2010

Jawoll, der Flug ist gebucht! Ich habe mich endlich dazu entschlossen, meine Pläne konkret werden zu lassen und fliege jetzt im Dezember für zwei Wochen nach Patagonien und Feuerland.

Durch die resultierende Euphorie habe ich direkt beschlossen die Gegend hier auch etwas genauer zu erkunden und an meinem freien Tag eine lange Wandertour zu machen. Es gibt einen alten Weg, der gute 20km über die Berge bis nach Capilla del Monte führt (Der Uritorco, auf den ich bereits zuvor gewandert bin liegt auch dort (siehe Blog Eintrag „Capilla del Monte“). Dieser Weg wird mittlerweile so gut wie gar nicht mehr befahren, nicht mal ein Auto pro Stunde, da alle den doppelt so langen Weg über Cruz del Eje nehmen. Die Straße ist sandig und führt wie gesagt über die Berge, sodass der Umweg wesentlich schneller ist.

Katha, eine neue Freiwillige hat sich kurzerhand dazu entschlossen, mich zu begleiten, sodass ich nicht alleine laufen brauchte, die anderen hatten verständlicherweise keine Lust, an ihrem freien Tag über 20km zu wandern.

So stiefelten wir dann zu zweit mit dem Sonnenaufgang los. Die erste Strecke führte den Berg hinauf, war aber dank der angenehmen morgendlichen Temperaturen sehr leicht. Wir entdeckten eine tote Tarantel und einen überfahrenen Skorpion auf dem Weg, gut dass sie nicht lebend waren, aber schlecht, dass Patri mit den Skorpionen Recht hat (ich hatte schon überlegt, ob sie uns das nicht nur erzählt hat, damit wir unser Zimmer sauber halten, denn jedes mal wenn irgendwo das Wort Skorpion auftauchte hat sie betont, dass sie kommen wenn die Zimmer schmutzig sind… vielleicht sollte ich mir das mal zu Herzen nehmen).

Die Landschaft hier ist einerseits ziemlich schön, aber andererseits auch sehr trocken und manchmal etwas einseitig. Im Moment kann ich mich daran noch satt sehen, aber ich kann mir vorstellen, dass ich das Ganze nach einem halben Jahr mit anderen Augen sehe. Das Wetter hier ist allgemein sehr warm, mit sehr wenigen Regentagen.

Wir hatten uns unglücklicherweise einen sehr heißen Tag ausgesucht, sodass es in der Mittagszeit an die 35°C im Schatten waren. Vorteil, wir waren relativ hoch, sodass ein starker Wind wehte, Nachteil, auf dem Weg gab es kein bisschen Schatten.

Gemein wurde es als wir Capilla del Monte bereits sehen konnten und davor den riesigen, kühl glitzernden Stausee und es keine einzige Abzweigung herunter gab. Der gesamte Weg schlängelte sich weiter um das Dorf herum, ohne sich zu nähern. Nach weiteren zwei Stunden erreichten wir endlich die Hauptstraße nach Cordoba und waren schon ein ganzes Stück an Capilla del Monte vorbei gelaufen, sehr schlecht angelegter Weg!

Also knappe 5km zurück entlang der Hauptstraße. Zu allem Überfluss lag am Straßenrand ein halb verwestes Rind, die Innereien auf der Wiese ausgebreitet. Der Gestank war erbärmlich, wenn der Wind gerade falsch stand.

Um 16:00 Uhr kamen wir endlich an, total erschöpft und geröstet. Ab in ein Café, etwas kaltes trinken und ein Eis. Wir fanden trotz der noch andauernden Siesta ein nettes Plätzchen und erholten uns erst einmal von der anstrengenden Tour.

Zurück nahmen wir den Bus bis zur Kreuzung von San Marcos. Von dort aus sind es noch etwa 12km die ein klappriger Bus namens Toto im Stundentakt fährt. Als wir aus dem Bus aussteigen hupt auf einmal ein Lieferwagen und hält an. Ich gucke ganz perplex, aber leider meinte er nicht uns, sondern zwei andere, die mit uns ausgestiegen sind. Enttäuscht setzen wir uns an die Bushaltestelle und stellen uns auf eine halbe Stunde warten ein, doch der Fahrer winkt uns zu und meint: „Steigt ein wir fahren doch die gleiche Strecke!“ Wir nehmen die Einladung dankbar an und setzten uns nach hinten auf den Boden der Lieferfläche. Ich unterhalte mich ein bisschen mit den anderen zwei und nach etwa fünf Minuten small talk offenbart mir mein Gegenüber, dass wir uns schon kennen „Und die beiden kennst du auch schon von da und da!“ Aha gut zu wissen, die drei kamen mir völlig unbekannt vor, aber ich musste auch schließlich das halbe Dorf in den letzten zwei Monaten kennen lernen und etliche neue Gesichter. Die drei nahmen mir das überhaupt nicht übel, sondern fanden das eher lustig. Das ich den einen kenne ist mir mittlerweile wieder eingefallen, ich habe ihn dort nur nicht erkannt, aber die andern beiden haben mich bestimmt nur irgendwann mal im Dorf herumlaufen sehen, ich bin ja auch schwer zu übersehen. Ja so muss das sein, so schlecht ist mein Gedächtnis nicht! Nein wirklich!

Wenn ich sage ich kenne mittlerweile das halbe Dorf, dann ist das keine Redewendung, sondern es stimmt leider wirklich. Es gibt immer ein paar Leute, die man überall wieder sieht, der Unterschied ist nur, dass es sich auf die paar Leute beschränkt. Wenn ich mal Nachmittags Kaffee trinke, oder runter an den Fluss gehe, dann trifft man bestimmt fünf Leute, die man erst einmal begrüßt und sich darüber unterhält, was es denn neues gibt (es sei denn, es ist Siesta).

Die Siesta dauert hier extrem lange, nämlich von 12/13 Uhr bis 17 Uhr, was manchmal ziemlich unpraktisch ist, da wir bei der Frühschicht bis 14 Uhr arbeiten müssen.

Vor einer guten Woche waren wir mit allen Tios und Julio und Patri in Cordoba. Wir haben uns zuerst das Haus angeguckt, in dem Ernesto Che Guevara aufgewachsen ist. Ich hatte mich schon ausgiebig mit seiner Geschichte beschäftigt, sodass die ganzen Briefe und Hinterlassenschaften aus seiner Zeit als kleiner Junge, mich sehr fasziniert haben.

Danach sind wir in eine riesige Shopping Mall gefahren und sind durch die Läden gezogen. Das einzige, was ich mir gekauft habe, waren ein paar Tafeln Schokolade (das vermisse ich hier wirklich).

Nachdem wir uns dann wieder mit Julio zusammen gefunden haben sind wir in ein all you can eat Steakhouse essen gegangen (Parilla). So stell ich mir argentinische Steaks vor, wirklich köstlich, saftig, zart und gut gewürzt. Ich hab auch ein paar Delikatessen probiert, aber bevor man mir gesagt hat was es ist, Dünndarm, Hals und Blutwurst, hat… interessant geschmeckt.

Von dem ganzen Steak konnte ich gar nicht genug bekommen und auch die vielen Beilagen waren nicht gerade förderlich für meinen Magen. Ohne ins Detail zu gehen, es war das erste mal, dass ich mich wirklich überfressen habe.

Die Esskultur ist hier wirklich speziell, immer wenn man eingeladen wird gibt es was zu Essen und davon nicht zu knapp. Man könnte meinen, dass die Argentinier krampfhaft versuchen das Sprichwort „Augen größer als der Mund“ wahr werden zu lassen, denn es wird nie alles aufgegessen… und es wird wesentlich mehr gegessen als bei uns.