Archive for Januar, 2011

Einmal Buenos Aires und zurück

Freitag, Januar 28th, 2011

Jetzt ist seit meinem letzten Blog Eintrag schon wieder so viel Zeit vergangen und die Ereignisse überschlagen sich mal wieder.

Es ist Sommer! Die Temperaturen sind in die Höhe geschossen und es lässt sich an sonnigen Tagen kaum aushalten, wenn man nicht gerade an den Fluss geht oder nichts tuend im Zimmer sitzt.

San Marcos Sierras, normalerweise ein kleines verschlafenes Dorf mitten auf dem Land, hat sich schlagartig in ein Touristenparadies verwandelt. Ich hatte glaube ich bereits erwähnt, dass San Marcos berühmt für seine Hippiekultur ist, jedenfalls ist es im Sommer der Treffpunkt schlechthin für alle Hippies des Landes und überall sieht man Menschen ganz nach dem Rastafari Style und hört Gitarrenklänge an allen Ecken, echt eine besondere Atmosphäre!

Manchmal werde ich von den Hippies etwas komisch angeguckt, „Was macht denn der Tourist hier, der passt hier ja überhaupt nicht hin!“ Nein, ich bin kein Tourist ich wohne hier!

Einmal saß ich mit einigen Freunden aus dem Dorf in einer Bar und es kam eine Straßenverkäuferin vorbei, sie wollte uns Schmuck und Andenken verkaufen. „Ganz typisch San Marcos und Handgemacht!“ „Oh Dankeschön, aber wir wohnen hier alle im Dorf.“ Auf unsere Frage, woher sie denn käme antwortete sie leise Cordoba und verschwand, nachdem sie schnell Entschuldigung nuschelte.

Außerdem ist bei uns im Heim eine neue Freiwillige angekommen (Bitteschön hier hast du es! Versprochen ist versprochen.). Sie bleibt ebenfalls ein Jahr und wir haben sie schnell auf den Namen Uschi getauft. Tante Uschi… hört sich doch nett an.

Tobi hatte Besuch aus Deutschland bekommen, ein Freund, der ihn eine Woche auf seiner Lateinamerika Reise besuchte. Für ihn bedeutete das eine stressige Woche, da er natürlich außerhalb der Arbeitszeiten immer etwas mit ihm unternahm. Tina wurde plötzlich und völlig unerwartet krank und lag mit Halsschmerzen im Bett. Derya war mit Kathi und Corinna im Urlaub in Buenos Aires. Und dann die Nachricht unserer Organisation: „Habt ihr euer Visum verlängert?“

Kurze Erklärung, wir haben alle ein Freiwilligen Visum, das für ein halbes Jahr gültig ist und verlängert werden muss. Es ist ähnlich wie ein Studentenvisum, für diejenigen, die ein Semester hier studieren, dieses Jahr wurden die Freiwilligenvisa das erste mal eingeführt und wir sind vier von insgesamt zwanzig vergebenen. Uns wurde bei unserer Einreise gesagt wir müssten uns so schnell wie möglich um die Verlängerung kümmern. Wir hatten es bereits am ersten Tag zu Julio, unserem Mentor gesagt, aber der meinte, das sei nicht weiter wichtig, es würde reichen wenn wir sie im November verlängern würden.

Im November haben wir ihn wieder darauf angesprochen, er fragte uns wie lange sie noch gültig seien und meinte das hätte dann wohl noch bis Ende Januar Zeit.

Lange Rede kurzer Sinn, wir haben uns auf ihn verlassen und waren dann doch etwas perplex als VIA sich wunderte, dass wir sie noch überhaupt nicht verlängert hatten.

Um die Tragweite zu beschreiben, für die Visaverlängerung wurde eine Zeit von sechs Wochen angegeben, wir hatten noch fünf Wochen Zeit bis unsere Visa ausliefen.

Ein Aufenthalt ohne Visum widerspricht den Weltwärtsauflagen und hätte im schlimmsten Fall ein Abbruch des Dienstes zur Folge. Völlig panisch redeten wir mit Julio, der auch eine Mail von der Organisation bekommen hatte. Er beschuldigte uns und fragte sauer warum wir ihn denn nicht darauf hingewiesen hätten… Vielleicht versteht man, warum wir ziemlich wütend auf ihn waren, wir haben uns auf ihn verlassen und dann gibt er uns auch noch die Schuld, klar wir hätten uns selber darum kümmern müssen, aber dann hätte er doch wenigstens sagen können, dass er es nicht weiß, anstatt uns völlig selbstverständlich zu erklären, dass wir noch gaaanz viel Zeit haben.

Ein perfektes Beispiel für argentinische Mentalität, besser einen vom Himmel erzählen, als sich selbst und anderen einzugestehen, dass man keine Ahnung hat. Was du heute kannst besorgen verschiebe stets auf Morgen, ja das passt!

Wir beschlossen kurzerhand unsere Pässe so schnell wie möglich in die deutsche Botschaft nach Buenos Aires zu bringen. Die schnellste und sicherste Methode hier in Argentinien ist es persönlich zu machen, denn auf die Post ist kein Verlass, schon gar nicht auf die öffentliche.

Der einzige der dafür in Frage kam war natürlich ich. Es war Freitag nachmittags, die Botschaft öffnete das nächste Mal am Montagmorgen. Sofort kauften wir ein Busticket für den Nachtbus am Sonntagabend.

Nächstes Problem, Derya war im Urlaub und hatte noch keine Ahnung von den Schwierigkeiten in denen wir alle steckten. Pünktlich am Sonntagnachmittag meldete sie sich dann endlich direkt aus Buenos Aires. Hört sich zuerst einmal erfreulich an, der Inhalt der Nachricht war es aber nicht. Derya wurde auf einem Handwerkermarkt die Handtasche geklaut, der Inhalt, ihr Reisepass und ihre Kreditkarte. Kathi die den nächsten Tag nach Uruguay und danach über Bolivien bis nach Ecuador fahren wollte, hatte ebenfalls ihre Kreditkarte und ihren Reisepass in der besagten Handtasche.

Schlimmer geht es nun wirklich nicht!

Mit dem Gedanken stieg ich völlig lustlos in den zwölf Stunden Bus und schlief kein bisschen. Um 9:00 Uhr kam ich in Buenos Aires an und umklammerte panisch meinen Rucksack auf dem Weg in die Botschaft. Doch schlimmer würde es gehen, wenn mir mein Pass und die Pässe von Tina und Tobi geklaut werden würden.

Nach einer ewig langen U-Bahn Fahrt, voll mit potentiellen Pässe Dieben, kam ich endlich an der Haltestelle an, wo ich aussteigen musste. Ich lief einige Quadras (Buenos Aires ist wie die meisten Städte hier im Schachbrettmuster aufgebaut), bis ich endlich bei der richtigen Straße ankam.

Da, ich sah in schon von Weitem, den deutschen Adler. Demonstrativ stand vor der Botschaft eine große Eiche, auf dass man bloß jedes Klischee erfüllt.

Am Eingang wurden mir mein Handy und meine Kamera abgenommen. Ich fand es etwas merkwürdig, denn ich wusste nicht, ob ich den Leuten jetzt auf Spanisch oder auf Deutsch antworten sollte. Ich entschied mich dann für Spanisch, da die meisten scheinbar Spanisch etwas besser beherrschten. Dann kam ich in einen Vorraum und sah durch die Glastür Derya und Kathi, ich wollte schon loslaufen, als mich der Wärter fragte, wo ich denn hin wollte, ich erklärte ihm mein Anliegen (diesmal auf Deutsch) und er schickte mich in die entgegengesetzte Richtung.

Dann ging alles sehr schnell, ich wurde direkt zu der verantwortlichen Person geschickt, eine Deutsche, die scheinbar auch nicht genau wusste, welche Sprache angemessen sei, denn sie redete Deutsch mit spanischen Füllworten. Sie versicherte mir, dass die Verlängerung kein Problem sei und wir sie rechtzeitig vor Fristende bekommen würden. Ich atmete vor Erleichterung laut auf und ihr entglitt ein Lächeln. „Ja das haben wir hier öfter, viele vergessen nachdem sie angekommen sind ihr Visum zu verlängern.“ Wir waren also kein Einzelfall.

Nach nicht einmal 20 Minuten war ich fertig es hatte alles einwandfrei geklappt. Irgendwie merkte man sofort, dass die Botschaft deutsch war, denn alles war sehr gut organisiert, was man von Argentinien nicht gerade behaupten kann. So sehr ich in Deutschland die Bürokratie hasse, umso mehr merke ich hier, was für große Vorteile sie auch hat. In Argentinien rennt man oft von Behörde zur Behörde und jeder sagt einem etwas anderes, denn viele Dinge sind einfach nicht vereinheitlicht oder festgeschrieben. Das hat man in Deutschland zwar auch oft, aber man gelangt letztendlich dann doch zum Ziel, hier eher seltener.

Auf dem Rückweg schummelte ich mich an dem Wärter vorbei, der gerade am telefonieren war und überraschte Derya und Kathi, die beide am Boden zerstört waren, sie mussten noch einen Tag auf ihre Pässe warten und zudem noch eine Menge dafür bezahlen. Wir warteten zu dritt noch etwa eine Stunde, bis alles so weit geregelt war und gingen dann raus um Corinna zu suchen, die eigentlich schon längst hätte da sein müssen. Wir fanden sie dann in einem Café. Ich fand es sehr merkwürdig, Kathi und Corinna hatten sich von uns schon endgültig verabschiedet, die beiden haben ihre Zeit im Projekt beendet, Corinna fährt zurück nach Deutschland und Kathi fährt weiter in ein anderes Projekt. Nun sahen wir uns schon nach einer Woche unter diesen Umständen wieder.

Wir verabredeten uns für den Nachmittag beim Busterminal um die Bustickets für den nächsten Tag zu kaufen. Ich fuhr zu einem Hostel, wo ich mich mit dem Freund von Tobi verabredet hatte, der am Abend zurück nach Deutschland flog. Leider verpasste ich ihn um fünf Minuten. Schade, war aber auch nicht weiter schlimm, so genoss ich den Vorteil einer Dusche und machte es mir auf der Dachterrasse gemütlich. Das Hostel lag mitten im Zentrum von Buenos Aires, war in einem Hochhaus und hatte auf dem Dach eine sehr sonnige Terrasse mit Bar, von wo aus man einen wundervollen Blick über ganz Buenos Aires hatte.

Gegen 15:00 Uhr traf ich mich mit Derya und Corinna beim Busterminal, die beiden hatten kein Handy, sodass wir wirklich eine feste Zeit und einen festen Treffpunkt ausmachen mussten, das hab ich auch schon lange nicht mehr erlebt!

Wir kauften die Bustickets, gingen zur Fähre nach Uruguay, die drei wollten eigentlich am Sonntagabend nach Montevideo fahren, mussten das aber leider abbrechen, da sie ja keine Pässe mehr hatten. Nun wollten sie das Geld zurück verlangen, was natürlich wieder einige Zeit in Anspruch nahm. Letztendlich mussten sie dann am nächsten Tag nochmal hin.

Den Rest des Nachmittags verbrachten wir im Zentrum von Buenos Aires, streiften durch die Gassen und genossen die Atmosphäre. Ich fand es echt spannend, ich war ja bereits vor 3 Jahren hier in Buenos Aires mit meiner Austauschfamilie aus Chile gewesen und es hatte sich in der Zeit schon einiges verändert, vieles erkannte ich aber auch wieder.

Wir ruhten uns inmitten der „breitesten Straße der Welt aus“, das bekannteste Bild Buenos Aires´ sechs Spuren in jede Richtung und in der Mitte die Verkehrsinsel mit dem großen, weißen Obelisken.

Ein Teil der Straße

Ein Teil der Straße

Obelisk

Obelisk

Abends fuhren die beiden zurück zu ihrem Hostel und wir verabredeten uns wieder beim Busterminal, da Corinna bereits am Abend nach Cordoba zurück fuhr.

Ich nutzte die freie Zeit um zu shoppen und streifte durch die Fußgängerzone im Micro Centro.

Um 22:00 Uhr verabschiedeten wir uns endgültig von Corinna und Kathi, Derya und ich gingen gemeinsam in dem angesagten Stadtteil Palermo Viejo essen. Wir liefen ziemlich lange durch eher normale Wohngegenden bis dann plötzlich alles ziemlich protzig wirkte, Kathi meinte, die Autos würden ihr Angst vor den Preisen in den Restaurants machen. Und tatsächlich am Straßenrand standen nur extrem teure Wagen, wir fanden aber schließlich doch noch eine bezahlbare und sehr gute Pizzeria, im Reiseführer stand sogar mit die Beste in Buenos Aires.

Gegen 2:00 Uhr fuhren wir mit dem Bus zurück ins Centro. Ich stieg an der Plaza de Mayo aus, an der die Casa Rosada steht, das Argentinische Regierungsgebäude. Es war spannend das bei Nacht zu sehen, insbesondere die Bank mit der riesigen Kuppel. Zu meinem Hostel musste ich die „Avenida de Mayo“ hinauf laufen, das wusste ich, hatte aber keine Karte dabei und verwechselte die Straße mit der „Avenida 5 de Mayo“, die ebenfalls von der Plaza aus ging.

Ich hatte bloß das Pech das eben diese Straße direkt runter zum Hafen führte, der bei Nacht nun wirklich kein guter Ort für Touristen ist. Ich hatte auch noch meine Kamera umgehangen.

Ich wunderte mich schon langsam und je weiter ich lief, desto mehr Panik stieg in mir auf. An den Bürgersteigen und unter den Brücken sah ich überall Obdachlose liegen, die aufschauten und mich neugierig musterten. Mein Herz begann wie wild zu rasen, denn jetzt merkte ich, dass ich falsch war und genau in die entgegengesetzte Richtung gelaufen bin. Nochmal die 20 Minuten zurück laufen und wieder an all den Menschen vorbei? Nein bloß das nicht! Ich rannte auf die Straße und hielt das nächst beste Taxi an, was man eigentlich nicht in Buenos Aires machen sollte, aber das war mir nun egal.

Der Taxifahrer wunderte sich ein bisschen über mich, dass ich in dieser Gegend alleine durch die Straßen lief, da es hier Nachts so gefährlich für Touristen ist. Ich erklärte ihm wohin und erleichtert stellte ich fest, dass er die richtige Richtung einschlug. Für die Fahrt berechnete er mir 20 Pesos, ich gab ihm 30 und er gab mir nur 4 zurück, ich bemerkte es, sagte aber nichts, denn der Schreck steckte mir noch in den Knochen. Mir hätte weitaus Schlimmeres passieren können, als 6 Pesos zu viel zu bezahlen (etwa 1€).

Im Hostel warf ich mich sofort ins Bett und hatte natürlich das Zimmer mit der lautesten Schnarchnase erwischt… schon wieder eine Nacht ohne Schlaf.

Morgens stand ich ärgerlich um 7:00 Uhr auf und hatte endlich mal wieder ein gutes Frühstück. Im Hogar frühstücke ich mittlerweile gar nicht mehr, da wir einfach nie was gescheites haben. So genoss ich den guten Kaffee und die Croissants.

Den Vormittag hatte ich für mich alleine, da Derya und Kathi noch zur Botschaft und zur Fähre mussten. Ich ließ mich durch die Straßen treiben und ging in eine Gegend, in der es günstige Klamotten gab. Es ist vergleichbar mit den vielen Basaren in der Türkei, überall bekommt man nachgemachte Kleidung angedreht und die Verkäufer lassen einen nicht in Ruhe.

Auf dem Weg zum Treffpunkt ging ich noch schnell zum Friseur, diesmal war es nicht so ein spektakulärer Besuch wie beim letzten Mal.

Um 14:00 traf ich mich mit Derya und Kathi am „Rio de la Plata“, dem breitesten Fluss der Welt, der Uruguay und Argentinien voneinander trennt. Bei den beiden hatte zum Glück alles gut geklappt, Kathi hatte ihren neuen Pass und Derya konnte ihren für das Visum da lassen.

Die beiden waren genauso kaputt wie ich, sodass wir den Rest des Nachmittags sehr entspannt angingen, wir gingen von einem Café ins Nächste, guckten uns noch ein bisschen an, machten aber nichts anstrengendes. Zum Abschluss gingen wir noch in einen Bücherladen, der in einem ehemaligen Theater war. Das hatte echt Stil, auf den ganzen Zuschauerrängen waren die Bücherregale über drei Stockwerke verteilt und auf der ehemaligen Bühne war ein Café in das man sich entspannt mit einem Buch hinsetzen konnte.

Kathi verabschiedete sich von uns, denn sie nahm um 18:00 Uhr die Fähre rüber nach Uruguay.

Derya und ich gingen zusammen ins Kino, da wir nun wirklich keine Lust mehr hatten weiter zu laufen. Nach dem Film gingen wir in unser jeweiliges Hostel, holten unsere Rucksäcke und trafen uns wieder am Busterminal. Schon wieder wartete eine Nacht ohne Schlaf auf mich, bereits die Dritte in Folge.

Schon nach zwei Tagen Großstadt freute ich mich wieder aufs ruhige und beschauliche San Marcos, besonders nach der schwülen und stickigen Hitze in Buenos Aires bei 40°C.

Die darauffolgende Woche war ziemlich hart für mich, da mir mein Aufenthalt in Buenos Aires natürlich als freier Tag angerechnet wurde und ich direkt nach meiner Rückkehr wieder arbeiten musste.

Ich mit den Chiquitas

Ich mit den Chiquitas