Archive for Januar, 2011

Navidad, Navidad, hoy es Navidad

Donnerstag, Januar 6th, 2011

Ich öffne meine Augen. Wie ausgeruht ich bin! Erstaunlich nach nur zwei Stunden Schlaf. Ein Blick auf die Uhr – Al Miercoles (der hier im Heim benutzte Begriff für „A la Mierda“, hießt soviel wie „Scheiße“)!

Ich war die letzte Nacht in Cordoba unterwegs mit fast dem ganzen Hostel und hatte ordentlich verpennt. Ich musste schließlich schon um 15 Uhr wieder anfangen zu arbeiten.

Ich schmiss alle meine Sachen schnell in meinen Rucksack und rannte fast zum Busbahnhof, ich hatte noch genau zweieinhalb Stunden Zeit um „nach Hause“ zu kommen.

Kurze Einordnung, ich befinde mich gerade wieder am Beginn meiner Arbeitszeit oder vielleicht verständlicher, am Ende meiner Reise.

Die Rückfahrt zog sich Ewigkeiten hin und zu allem Überfluss hatte ich kein Geld mehr auf meinem Handy, sodass ich meine lieben Mitfreiwilligen leider in Ungewissheit über mein Ausbleiben lassen musste.

Um halb sechs näherte ich mich langsam San Marcos, ich fuhr per Anhalter und wurde freundlicherweise von einer Familie, die einen Sonntagsausflug machten mitgenommen.

So langsam keimte in mir die Aufregung, nach zwei Wochen würde ich endlich in mein jetziges Zuhause zurückkehren und endlich wieder, nachdem ich die ganze Zeit nur neue Leute kennen gelernt hatte, unter Freunden sein.

Es war ein komisches Gefühl, nach so langer Abwesenheit wieder in die vertraute Umgebung zu kommen und auch die Wärme stimmte mich nach der eisigen Kälte guter Laune. Als ich nahe der Plaza ausstieg hörte ich schon Kindergeschrei… nein das bildete ich mir nur ein. Ich ging langsam den Hügel zum Heim hoch und da war es schon wieder, jetzt konnte ich sogar den Wortlaut hören, „TIO LEON!!“. Und so war es, auf einmal sah ich zwanzig Kinder auf mich zu gerannt kommen, alle mit einem strahlenden Gesicht und leuchtenden Augen. Alle sprangen auf mich rauf, umarmten mich und gaben mir, wie es sich für Argentinier gehört, ein Küsschen auf die Wange. „Schön dass du wieder da bist“, „Wir haben dich vermisst“, oder die eher verschlossenen: „Wo warst du so lange?“. Es ist ein schönes Gefühl so etwas zu hören und ich fühlte mich tatsächlich so, als würde ich nach langer Zeit wieder Heim kehren und ich war glücklich! Ja. Schön dass ich wieder da bin! Ich war echt erstaunt, wirklich alle Kinder haben sich gefreut, auch die, zu denen ich ein eher schwieriges Verhältnis habe.

Das hat mir sehr viel Kraft gegeben und mich auch in meiner Arbeit gestärkt. Ich bedeute den Kindern etwas und sie bedeuten mir auch eine ganze Menge, das bringt viel Verantwortung mit sich.

Nun aber zum eigentlichen Thema – Weihnachten! Von dem besagten Fest der Liebe war leider nicht allzu viel zu spüren, die Erzieher waren alle sehr gereizt und das Verhältnis zwischen Freiwilligen und Mitarbeitern hatte sich noch mehr als vorher angespannt.

Auch die Weihnachtsstimmung blieb aus, auf der einen Seite die gut 30°C und auf der anderen das Fehlen jeglicher Dekoration und Gemütlichkeit, lediglich ein kleiner Plastikbaum stand in der Ecke des Comedors. O du fröhliche!

So wie ich wieder bei den Kindern war verließen sie mich auch schon wieder allesamt über Weihnachten. Erst war ich enttäuscht darüber, wo ich mir doch so schön ausgemalt hatte ein besinnliches Fest mit ihnen zu feiern und ihnen kleine Freuden zu bereiten. Nach kurzem Nachdenken wurde mir aber bewusst, ein besinnliches Fest kann unter 30 Kindern nicht Zustande kommen und für die Kinder war es so entschieden besser. Sie gingen alle zu unterschiedlichen Padrinos, so etwas wie Pateneltern. Einige der Kinder, die sich wieder ihrer Familie genähert hatten gingen dort hin. So auch unsere große alteingesessene 6er Gruppe, sie gehen für die gesamten Sommerferien zu ihrer Großmutter und wenn es gut klappt werden sie dort bleiben.

Noch ein wichtiger Punkt, in der Zeit wo ich weg war hatten die Kinder ihren letzten Schultag, das bedeutet für uns ab jetzt drei Monate rund um die Uhr Betreuung. Aber wie gesagt erst einmal Ruhe.

Ich fand mich ziemlich schnell mit dem Gedanken ab über Weihnachten ohne Kinder im Heim zu sein, zumal es mit jedem Kind das weg ging ruhiger wurde. Und dann der 23. Dezember, Donnerstag Abend – Ruhe. Ausnahmslos alle Kinder hatten eine Familie gefunden und wir wunderten uns auf einmal, wie groß das Heim denn sei und wie still es hier ohne die Kinder wird.

So langsam stieg bei mir Verzweiflung auf, morgen ist Weihnachten! Nicht wegen der Geschenke, wie sonst, die hatte ich am Tag zuvor zusammen mit Tina besorgt, sondern einfach wegen dem Gefühl, oder wegen keinem Gefühl. Morgen ist Weihnachten? Unmöglich!

Da wir alle mehr oder weniger frustriert waren machten wir Freiwilligen einen gemeinsamen Abend bei Doppelkopf, Sidre, Bier und deutscher Musik, sogar einige Weihnachtssongs waren dabei.

Draußen gewitterte es und wir hatten es uns in Tobis und meinem Zimmer gemütlich gemacht. Irgendwie kam dann so langsam doch die Weihnachtsstimmung auf und wir legten uns nach einem sehr schönen Abend schlafen und warteten auf Papa Noel.

Dann endlich, der 24. – Heiligabend. Ich schlief sehr sehr lange und blickte beim aufwachen in die pralle Mittagssonne, es waren tatsächlich knappe 40°C an Heiligabend.

Den ganzen Tag über passierte gar nichts, die Mitarbeiter gingen an den Fluss, wir mussten im Heim bleiben und imaginäre Kinder hüten.

Dann auf einmal war es da, das Heimweh… und nicht nur bei mir, sondern bei uns allen.

Ich stellte mir vor ich wäre jetzt Zuhause, würde bei Oma Tee trinken und sogar weiße Weihnachten haben. Weihnachten sollte man doch eigentlich bei der Familie verbringen!

Je näher der Abend rückte, umso schlechter gelaunt wurde ich. Irgendwann versuchten wir alle unsere Familie zu erreichen.

Ich schaffte es dann trotz schlechtem Internet endlich und das war genau das was ich brauchte. Danke euch allen, ganz besonders das singen vor dem Weihnachtsbaum fand ich wirklich rührend!

Ich hatte zum Glück genug Zeit bevor unser Internet abstürzte, es war wohl zu belastet. Den anderen Teil der Familie konnte ich leider nicht mehr erreichen.

Ich war trotzdem wieder einigermaßen gut drauf und jetzt auch auf ein anderes Weihnachten eingestellt.

Die anderen hatten teilweise leider nicht soviel Glück und waren erst sehr frustriert. Letztendlich hat es dann aber doch bei allen irgendwie geklappt und alle waren mehr oder weniger zufrieden als es dann bei uns los ging.

Um 22 Uhr war der Truthahn fertig, Tina hatte deutschen Kartoffelsalat gemacht (eigentlich ein russisches Rezept, schmeckte aber trotzdem nach Heimat). Wir setzten uns mit allen gemeinsam in den Comedor und bei Kerzenlicht und sehr gemütlicher Atmosphäre gab es sehr gutes Essen. Zum krönenden Abschluss deckte Kathi dann als Nachtisch Spekulatius und Marzipan auf, was sie aus Deutschland mit gebracht hatte. Irgendwie war es dann doch wenigstens ein bisschen weihnachtlich.

Dann um kurz vor 24 Uhr fingen auf einmal alle an den Countdown zu zählen: 10 – 9 – 8 … 3 – 2 – 1 – Feliz Navidad (Frohe Weihnachten), ich kam mir vor wie an Silvester! Facundo und sein Freund Raul, ein ehemaliges Heimkind, konnten es uns gar nicht schnell genug sagen, sie rannten durch den Comedor, wünschten jedem schnell frohe Weihnachten und verschwanden dann. Kurze Zeit später wusste ich dann auch warum. Es wurde geböllert! An Weihnachten! Es war tatsächlich Silvester nur unter anderem Namen.

Nachdem die beiden ausgeböllert hatten gab es dann auch die Geschenke. Wir hatten ausgemacht zusammen, also wir Freiwilligen, jedem Mitarbeiter etwas zu schenken und untereinander zu wichteln, also Namen ziehen und demjenigen dann eine Freude machen. Ich hatte Tobi gezogen und wusste sofort was ich ihm schenken könnte. Ein paar Computerboxen für unser Zimmer, schon seit langem wollten wir beide endlich mal vernünftig Musik hören und das schien mir das ideale Geschenk. Es überstieg zwar etwas das Budget, aber ich dachte mir, macht nichts ich hab ja auch was davon.

Julio gab Tobi und mir das Geschenk von den Mitarbeitern, Tobi hatte das Pech und packte zuerst aus: ein kleiner Holzstern. Ich musste ein Lachen unterdrücken, falsches Grinsen, super Dankeschön! „Handgemacht!“, versicherte ihm Julio stolz. Ich war nun schon darauf gefasst und konnte deshalb etwas besser schauspielern. Auch ich bekam einen sehr schönen Holzstern.

Nun waren die Geschenke der Freiwilligen dran, ich bekam meines in die Hand gedrückt und Tobi nahm sich seines vom Tisch. Warum kam mir die Form so bekannt vor?

Ich ließ Tobi zuerst auspacken, da ich gespannt auf seine Reaktion war. Abrupt guckte er Derya an und fing laut an zu lachen… ich ahnte Böses. Schnell packte ich meins aus und tatsächlich, Computerboxen. Ich guckte Tobi an prustete noch schnell „Von dir?“ bevor ich richtig loslachte . Dann gab es kein halten mehr, wir beide kriegten uns nicht mehr ein. Wir hatten uns doch tatsächlich haargenau die gleichen Boxen geschenkt, selbe Marke, selbes Modell, sogar aus dem gleichen Laden wie sich herausstellte. So ein Zufall und was für eine Geschichte! Jetzt waren wir wirklich gut gelaunt und gingen so schnell wie möglich ins Dorf um allen unseren Freunden dort eine frohe Weihnacht zu wünschen. Wir stießen auf Weihnachten in Argentinien an und fingen spontan in unserer Stammkneipe damit an, lauthals deutsche Weihnachtslieder zu grölen. Was für ein Moment. Weihnachten war für mich gerettet!

Ich war zwar nicht Zuhause, aber ich war unter Freunden und Menschen die mir lieb sind und das ist es doch was zählt.

Mit Heiligabend ist in Argentinien dann auch das Thema Weihnachten abgeschlossen. So etwas wie den ersten, oder den zweiten Weihnachtstag gibt es nicht nur der Tag nach Heiligabend ist ein Feiertag, wegen der Feier am Vorabend.

Wir verbrachten den Tag sehr entspannt und hatten auch das gesamte Heim für uns. Abends gingen Tina, Tobi und ich trotzdem im besten Restaurant im Dorf essen, für uns war es noch etwas besonderes!

Am nächsten Tag kamen langsam die ersten Kinder wieder, alle freuten sich uns zu sehen, es war ihnen aber deutlich anzusehen, dass sie lieber in den Familien geblieben wären, natürlich.

Einer der Mitarbeiter hatte plötzlich eine Herzattacke und musste in ein Krankenhaus, das war sehr hart und alle waren deshalb sehr bedrückt.

Das hatte zur Folge, dass eine Mitarbeiterin aus dem Urlaub wieder zurückkam und wir Freiwilligen fast die ganze Woche beinahe alleine mit den Kindern waren. Das war extrem anstrengend, denn die Kinder benahmen sich nicht wie sonst, sie hatten zwei Tage, oder länger in richtigen Familien gelebt, hatten dort wesentlich mehr Freiheiten und wollten alle eher ungern zurück. Allesamt waren sie trotzig, machten genau das Gegenteil von dem, was man ihnen sagte und zu allem Überfluss schienen sie die Situation auch noch auszunutzen, dass wir alleine mit 20 Kindern so gut wie machtlos waren. Alles in allem war es eine sehr anstrengende Woche bis Silvester.

Der 31. Dezember, das Ende eines ereignisreichen Jahres für mich. Ich hatte es in der Abizeit begonnen, habe dann mein Abitur geschrieben, und jetzt bin ich hier in Argentinien und bringe es so zu Ende. Ein komisches Gefühl und ich bin mir sicher, das Jahr wird mir ewig im Gedächtnis bleiben.

Der Tag war erst einmal wie jeder andere und irgendwann fragte ich Patri wie es denn eigentlich Abends ablaufen würde. „Genauso wie Weihnachten“ meinte sie. Na toll dachte ich mir, Feierlichkeiten scheinen sich hier allgemein nicht wesentlich von einander zu unterscheiden. Sobald ein Haufen Essen da ist („un montón de comida“würde es auf argentinisch heißen), ist es eine Feier, der Rest ist sekundär. Um wenigstens ein bisschen Tradition aufrecht zu erhalten lud Tobi „Dinner for One“ herunter und wir guckten es uns alle gemeinsam um 19 Uhr an.

Um 22 Uhr aßen wir dann tatsächlich wieder, genau wie an Weihnachten, diesmal aber mit allen Kindern zusammen, war auch ganz schön. Nach einem Montón von Essen gab es dann den Countdown, blablabla – 3 – 2 – 1 – Feliz ano nuevo, ja Dankeschön ich finde es auch toll zu Böllern! Nachdem der erste Spaß vorbei war kamen dann auch die ersten Kinder und wünschten mir nun ernsthaft ein frohes neues Jahr. Besonders niedlich war die Kleinste, „Feliz ano huevo“, heißt soviel wie Frohes Eierjahr… Danke Ayelen aber Ostern haben wir nun wirklich noch nicht.

Die Böller sind hier übrigens extrem laut und viel gefährlicher als in Deutschland. Sie gehen wesentlich schneller los, sind viel kleiner und haben eine viel stärkere Explosionskraft. Ich denke in Deutschland wären sie allein schon aufgrund der Lautstärke verboten und ich wunderte mich wirklich, dass die Kinder das so ohne weiteres durften. Es gab aber zum Glück keine ernsten Vorfälle, sodass die Kinder dann um kurz nach 1 Uhr ins Bett gingen. Wir setzten uns mit den Mitarbeitern zusammen, aßen noch mehr und tranken Sidre und Fernet. Es war echt nett, ich hatte das erste mal seit langem wieder das Gefühl richtig einbezogen zu werden.

Danach gingen wir wieder ins Dorf, wünschten allen unseren Freunden ein frohes Neues und guckten uns ein Konzert von meinem Gitarrenlehrer an. Alles in allem war es zwar recht nett, aber wir hatten uns alle mehr erhofft, sodass wir alle irgendwie enttäuscht wurden… wir hätten doch nach Cordoba fahren sollen!

Naja fangen wir 2011 nicht pessimistisch an, ich habe noch ganze 8 Monate hier und werde sie genießen, auch 2011 wird ein sehr ereignisreiches Jahr für mich werden und ich blicke dem gespannt entgegen.