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Probleme und eine tote Ziege

Donnerstag, Februar 24th, 2011

Während eines Freiwilligenjahres werden sicherlich Probleme jeglicher Art auftreten und es wird nicht immer alles so ablaufen, wie man es sich vorgestellt hat. Dessen war ich mir bewusst und auch bereit mich dem zu stellen. Nie jedoch wäre mir in den Sinn gekommen, dass ich mich hier mit derartigem herumschlagen muss!

Ich dachte vielleicht, ich würde mit der Arbeit Probleme haben, vielleicht nicht den Anforderungen gerecht werden, oder anders herum, zu wenig zu tun haben und mich langweilen. Ich dachte auch, dass ich mich vielleicht nicht an die Umgebung gewöhnen würde, mich nicht richtig einlebe und mich unwohl fühle, aber nein, nichts dergleichen. Die Arbeit macht mir unglaublich viel Spaß, ich bin gerne mit den Kindern zusammen, auch wenn es sehr anstrengend ist. Zu den eher nervigen Nebenaufgaben habe ich eine recht gute Routine entwickelt, weiß wo ich anpacken muss und vor allem wann.

Nein, die Probleme die mich und alle meine Mitfreiwilligen beschäftigen sind ganz anderer Art und sind auf eine Sache beschränkt, die Mitarbeiter und allen voran unser Chef!

Nie hätte ich gedacht, dass ich hier so respektlos behandelt werde. Am Anfang bezog sich das lediglich auf zwei Mitarbeiter die scheinbar ziemlich unzufrieden mit unserer Anwesenheit waren, mittlerweile habe ich das Gefühl, dass sich das Problem generell auf das Freiwilligenverständnis des Projektleiters bezieht.

Ich fasse das Problem hier ganz knapp zusammen, wenn es jemanden noch näher interessiert könnt ihr mich gerne anschreiben, ich werde euch dann eine ausführliche Mail schicken.

Unserem Projektleiter passt es generell nicht, dass wir Zeit mit den Einheimischen aus dem Dorf verbringen, ganz kritisch wird es, wenn wir am Wochenende ausgehen. Gut, ich muss zugeben in einigen Punkten hat er recht, wir sind verantwortlich für die Kinder, sind Vorbilder und haben hier im Dorf auch ein Bild zu vertreten. Ich finde solange man das alles berücksichtigt und die Arbeit nicht darunter leidet, kann ich meine Freizeit so gestalten, wie ich es für richtig halte. Unser Projektleiter sieht das nicht so und dadurch, dass wir mit im Projekt wohnen, bekommt er auch alles mit was wir machen.

Er sieht den Freiwilligendienst als eine Arbeit, die höher gestellt ist, als die der Mitarbeiter, was bedeutet, dass er von uns wesentlich mehr erwartet, als von gewöhnlichen Mitarbeitern. Zum Beispiel auch, dass wir uns außerhalb der Arbeitszeiten mit den Kindern beschäftigen, mit ihnen etwas unternehmen, mit ihnen spielen und sonstiges, im Prinzip alles was wir auch während der Arbeit machen. Außerdem sieht er den Freiwilligendienst als einen Dienst in dem man gibt ohne etwas dafür zu bekommen, soll heißen nicht einmal Dank oder Lob. Ich sehe das eher als eine faule Ausrede, um sich keine weitere Mühe zu machen uns zu integrieren und zu respektieren, aber das sei mal dahingestellt.

Ich bin nach meiner Arbeitszeit immer sehr angespannt und müde, merke, dass ich ungeduldig mit den Kindern werde, sie wegen Kleinigkeiten anmache und nicht mehr so behandle, wie sie es verdient hätten. Ich denke wenn ich mich noch über meine Arbeitszeiten hinaus mit den Kindern beschäftige, hätten sie und ich überhaupt nichts davon. Meiner Meinung nach kann man problemlos 12 Stunden am Tag mit halber Energie arbeiten, oder aber 7 mit voller, aber nicht 12 Stunden mit voller Energie und so etwas als Erwartung zu stellen finde ich dann doch etwas überzogen.

Als ich ihm das Argument vorlegte meinte er nur, dass ich dann wohl der falsche für eine derartige Arbeit sei, dass würde man alleine schon daran sehen, dass ich es Arbeit nennen würde und nicht Dienst.

Bildet euch eure eigene Meinung, aber ich sehe es als Arbeit auf 30 Kinder aufzupassen und nicht als einen „Dienst“, zumal auch extreme Anforderungen an uns gestellt werden und wir eine sehr große Verantwortung haben. Wenn wir nur da wären um mit den Kindern zu spielen und zu machen wozu wir Lust haben, dann wäre es etwas anderes. Es gibt Tage, an denen ich alle Kinder alleine ins Bett bringen muss und wieder andere, wo wir Freiwilligen über Stunden mit ihnen alleine sind, ohne jegliche Hilfe. Daneben müssen wir auch noch die gesamte Wäsche machen und etliche weitere Aufgaben und wenn etwas davon nicht gemacht wird, gibt es verständlicherweise Probleme, wir sind hier nicht nur zum Vergnügen der Kinder, obwohl das natürlich auch dazu gehört. Und darüber hinaus kommt auch noch das Sprachproblem dazu, auch wenn das mittlerweile eher eines meiner geringeren ist.

Der Konflikt ging sogar soweit, dass uns gesagt wurde, wir sollten uns doch genau überlegen, ob wir im richtigen Projekt seien. Ich habe tatsächlich über einen Projektwechsel nachgedacht es aber sehr schnell wieder verworfen.

Das in aller Kürze zu dem, womit ich mich hier herumschlagen muss, dazu kommen noch viele weitere Konflikte mit unserem Projektleiter, wie gesagt schreibt mich an, ich kann hier natürlich nicht alles öffentlich ausbreiten.

Jetzt aber genug von dem was mich nervt, sonst reg ich mich wieder so auf! Ich bin hier abgesehen von dem ziemlich glücklich, ich mag die Kinder, mag die Arbeit, komme super mit meinen Mitfreiwilligen aus und im Dorf habe ich auch schon viele Freunde gefunden und Erfahrungen gesammelt.

Am Samstag bin ich mit unserem Projektleiter und den drei ältesten Jungs aufs Land zu gefahren. Auf meine Frage, was wir da machen würden antwortete er nur, dass wir helfen und arbeiten würden. Ihr könnt euch meine Lust nach dem Streit mit ihm vorstellen…

Es hieß, wir fahren morgens um 7:00 Uhr los, tatsächlich klopfte es um 6:00 Uhr an der Tür, „Leon, wir fahren jetzt schon los, zieh dich schnell an!“ Auf meine Frage, ob denn noch Zeit sei sich schnell zu Duschen fragte er mich: „Warum? Da wirst du doch eh wieder dreckig!“. Also rein in die Klamotten und im dunklen irgendwohin aufs Land um zu arbeiten und zu helfen! Auf der Fahrt erfuhr ich auch wohin es ging, geradewegs in die Pampa! Etwa 200 Kilometer Richtung Santiago del Estero, eine andere Provinz.

Die Organisation, die das Heim betreut, hilft auch regelmäßig einigen Leuten, die ganz weit abgeschieden wohnen und sich selbst versorgen. Sie bringen dann Kleidung, Wasser, Medizin und das was gerade nötig ist.

So auch wir, wir hatten einen Auto mit Anhänger voll mit Kleidung und einem großen Wasserkanister, der 1000 Liter fasst. Man kann sich vorstellen wie schnell wir vorankamen, sodass wir nach gut 3 Stunden Fahrt durch die Pampa in ein kleines Dorf kamen, dort füllten wir den Wasserkanister komplett auf und füllten noch einmal Luft in die Reifen. Dort stießen auch die anderen Helfer der Organisation dazu, ein Ärzteteam, bestehend aus zwei Ärzten und einem Zahnarzt, und ein mir wohlbekanntes Auto, der Mitsubishi. Das ist ein uralter Bulli, mit dem ich noch die Kinder zur Schule gefahren habe. Er wurde aber an die Bauarbeiter verkauft, damit sie den Aufenthaltsraum bei uns im Heim fertig stellen und weil er nicht mehr für den Transport von Kindern zu gebrauchen war. In ihm saßen die mir wohl bekannten Bauarbeiter und er war beladen mit Dachplatten. Jetzt konnte ich mir auch besser vorstellen, woraus meine Arbeit bestehen würde.

Weiter ging es 50 Kilometer über eine Sandstraße mit Schlaglöchern von einem Meter Durchmesser und Tiefe. Am Tag zuvor hatte es sehr stark Gewittert, was in der Gegend sehr selten vorkommt, sodass die letzten 5 Kilometer komplett verschlammt waren und da passierte es dann, wir steckten fest. Abschleppseil raus, Auto mitsamt Anhänger hinten an den Mitsubishi ran und wir alle zogen uns die Schuhe aus um an zuschieben. Zum Glück kam das Auto nach 5 Minuten vereinter Kräfte wieder heraus und bekam Fahrt. Sie konnten natürlich nicht mehr anhalten, denn dann wären sie erneut stecken geblieben. Wir mussten also rennen und aufs fahrende Auto springen.

Das ganze Spiel mussten wir so um die 6-mal wiederholen, da der volle Anhänger sehr oft stecken blieb. Nach einer anstrengenden Stunde kamen wir endlich am Ziel an.

Ein kleines, provisorisches Haus, mitten auf dem Land, zusammengebastelt aus Wellblech, Lehm und Holz. Im Hintergrund sah man ein halb fertiges gemauertes Haus. „Dort bei dem Haus machen wir gleich das Dach“, erklärte mir Gustavo, ein gelernter Dachdecker.

Hinter dem Haus erstreckten sich ein großes Gehege, mit Ziegen, Schweinen, Kühen und Schafen. Der Inhaber, Ernesto, erklärte mir, dass sie vom Verkauf vom Fleisch von sehr jungen Ziegen, ich glaube auf deutsch heißt es Zicklein, leben und sie sich fast komplett alleine versorgen würden. Ich sah zwei große Autobatterien, mit denen ein Kühlschrank betrieben wurde. Wasser ist in der Gegend sehr rar, sodass sie vom wenigen Regenwasser und von dem was wir ihnen bringen leben. Ernesto ist so etwas wie der Gemeindeverwalter von allen die in der Nähe wohnen, er verteilt die Kleidung und das Wasser, was wir bringen und greift auch sonst den anderen unter die Arme.

Die Ärzte fuhren weiter aufs Land um ihre Arbeit zu beginnen und wir begannen unsere, das Dach. Ich musste die einfachen Dachplatten aus Wellblech nach oben reichen und sonstige kleinere Arbeiten machen.

Nach einiger Zeit lief dann Ernesto los gefolgt von meinen drei Jungs die alle sehr aufgeregt waren, sie bedeuteten mir mitzukommen. Wir gingen zum Ziegengehege und Ernesto nahm sich eine sehr junge Ziege heraus. Mir schwante übles.

Und tatsächlich, Ernesto erklärte mir, dass er immer zum Dank eine Ziege schlachten würde, wenn die Organisation ihn besuchen kommt. Er legte sie auf den Boden und sagte einem unserer Jungen er solle die Ziege an den Beinen fest halten, natürlich wollte er nicht, also musste ich ran. Die Ziege blökte flehentlich und zappelte, Ernesto nahm das Messer und mit einem Stich in die Halsschlagader war das ganze auch vorbei, die Ziege zuckte noch ein paar mal, der Boden füllte sich mit einer Blutlache. Er nahm die Ziege schnitt den ganzen Hals auf und hing sie an den Beinen an zwei Haken und ließ sie ausbluten. Dann wurde ich Zeuge davon, wie man einer Ziege das Fell abzieht, sie ausnimmt, vernünftig schneidet und dann grillt. Nebenbei musste ich noch immer bei dem Dach helfen, bis wir es irgendwann fertig hatten. Währenddessen erfreuten sich die Hühner und der Hund an der Blutlache.

Sie grillten die Ziege in einem Ofen der mit Holz geheizt wurde und ließen sie dort garen. Wir beendeten die restlichen Arbeiten und ich ging mir mit den Jungs die ganzen anderen Tiere angucken. Zwischendurch machten die drei immer Witze darüber, welches Tier sie als nächstes töten würden. „Ihr redet viel aber wenn es darauf ankommt helft ihr nicht!“, das blöken der Ziege ging mir immer noch nicht richtig aus dem Kopf.

Endlich war das Essen fertig, es gab Chorizos eine scharfe Paprikawurst, die wir mitgebracht haben, Salat, selbst gebackenes Brot und natürlich Ziegenfleisch. Ich hätte nie gedacht, dass ich die Ziege tatsächlich essen würde, aber als dann der Moment kam fand ich das irgendwie undankbar und ich war auch gespannt darauf, wie es denn schmecken würde. Mit dem ersten Bissen schwanden auch die Hemmungen und ich aß sogar richtig viel, denn es schmeckte mir tatsächlich gut! Ich hatte noch einige sehr interessante Gespräche mit Ernesto über das Leben auf dem Land und er war sehr interessiert wie es denn drüben in Deutschland sei. „Isst man da auch Ziegen zu besonderen Anlässen?“ Ich antwortete ihm, dass man bei uns zum Schlachten eine Lizenz braucht und man heutzutage ziemlich selten, bzw. nie selbst geschlachtete Tiere in Deutschland isst. „Aah die Lizenz zum Schlachten braucht man hier auch, aber was hier auf dem Land passiert interessiert ja niemanden!“, antwortete er mir.

Irgendwann traute ich mich dann auch Gustavo zu fragen, was wir denn hier eigentlich bauen würden, „Eine Kirche!“, antwortet er mir stolz. Ah gut zu wissen ICH habe mitgeholfen eine Kirche zu bauen. Schon irgendwie komisch, provisorisch ein bisschen was zu bauen und das dann Kirche zu nennen. Vielleicht hatte unser Projektleiter deswegen Skrupel mir zu erklären warum ich genau mit müsse? Ich amüsierte mich innerlich und fragte mich, wie das Ding denn aussehen würde, wenn es fertig ist, ich werde es wohl nie erfahren.

Einer der Helfenden war gelernter Elektroniker und reparierte, bevor es zurück ging noch schnell das Radio von Ernesto. Ich sah gleich das verschmorte Stromkabel, aber ich wollte kein besserwisserischer Deutscher sein und hielt meine Klappe, so baute er das Ding erst einmal auseinander, störte die darin hausende Spinne und stellte fest, dass es funktionierte, abgesehen vom fehlenden Strom.

Endlich konnten wir zurückfahren, ich war mittlerweile völlig am Ende mit meinen Kräften, dieser Tag war einfach zu voll mit Eindrücken.

Nach insgesamt 16 Stunden kamen wir Abends um 22:00 Uhr zurück und ich fiel, nicht ohne mir vorher meine wohlverdiente Dusche geholt zu haben, völlig erschöpft ins Bett.

Hier noch ein paar ekel Bilder für alle mit starken Nerven:

Im Heim: Eine Kröte frisst eine faustgroße Vogelspinne die wir getötet haben

Im Heim: Eine Kröte frisst eine faustgroße Vogelspinne die wir getötet haben

zwei der Jungs mit der Ziege

zwei der Jungs mit der Ziege

ohne Worte

ohne Worte

die "Kirche", im Hintergrund das Wohnhaus

die "Kirche", im Hintergrund das Wohnhaus