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Argentinien, Chile und der ganze Rest

Donnerstag, März 31st, 2011

Es ist Freitagabend, ich habe schnell alle meine Sachen, die ich für unsere Reise nach Chile brauchte, während meiner Arbeitszeit gepackt. Ich konnte es kaum erwarten endlich die Schicht zu beenden und mich endlich in den Bus zu setzen. Endlich wieder Luft zum atmen, endlich wieder mal raus aus dem Heim!

Ich war die Tage über sehr angespannt, Kleinigkeiten haben mich ziemlich aufgeregt, mein Rettungsring, das Zwischenseminar! Dann endlich war es 20:00 Uhr, die Rucksäcke waren gepackt und nur noch eben von den Kindern verabschieden, dann geht’s los.

Ich umarmte eines nach dem anderen, gab ihnen einen Kuss auf die Wange und las eine tiefe Trauer in ihren Augen, vielen Kindern ging es wirklich sehr Nahe, zwei Wochen so ganz ohne Tios zu sein. Die kleinsten fragten, ob wir denn überhaupt je wieder kommen, oder ob wir nach Deutschland zurückkehren würden. Unsere 7-jährige fing an zu weinen, als wir in der Tür standen, sie fühlte sich ein weiteres Mal verstoßen…

So groß die Aufregung und Erleichterung noch am Morgen war, so sehr spürte ich jetzt einen tief sitzenden Knoten, wir ließen die Kinder im Stich, konnten sie zwei Wochen lang nicht wieder sehen und ich vermisste sie schon mit dem ersten Schritt.

Erst versuchten wir fünf krampfhaft über andere Themen zu reden, aber schließlich brach aus uns allen halb die Euphorie der Vorfreude und halb die Trauer heraus, alle Kinder zurückzulassen. Beinahe eine Stunde waren unsere einzigen Gesprächsthemen nur die Kinder.

Sobald wir im Bus raus aus San Marcos waren, verflog jedoch der Abschiedsschmerz und reine Vorfreude machte sich breit. Wir setzten uns hinten in den Bus und sangen laut irgendwelche Lieder.

Angekommen in Cruz del Eje, nach vier Stunden rein in den nächsten Bus, morgens um 10:00 Uhr in Mendoza angekommen und noch einmal Buswechsel.

Von da an wurde die Fahrt spannend, der Bus fuhr steile Serpentinen herauf, durch zerklüftete Schluchten und es ging stetig hinauf zu dem Grenzposten mitten in den Anden. Unterwegs hatten wir einige Ausblicke auf den höchsten Berg der Anden, den Aconcagua.

Angekommen am Grenzposten sahen wir eine Schlange von geschätzt 20 Bussen vor uns stehen. Wir mussten uns auf eine lange Wartezeit einstellen, aber dass es so langwierig werden würde hätte selbst ich, da ich die Lateinamerikanischen Verhältnisse mittlerweile gewohnt bin, nicht gedacht. Wir warteten tatsächlich acht Stunden, nur um Aus- und Einzureisen zu können und unser Gepäck auf etwaige Tier- oder Agrarprodukte untersuchen zu lassen. Zudem war es in dem Bus unglaublich heiß und stickig, da unaufhörlich die Sonne herein schien und außerhalb des Busses bitterkalt. Wir waren schließlich gute 3000 Meter hoch.

Dann endlich alles geschafft, wir waren durch den Grenzposten und ich hatte sogar mein Glas Honig und das Olivenöl für meine chilenische Gastfamilie schmuggeln können (HAHA)!

Direkt hinter dem Grenzübergang ging es steil Bergab und eine Serpentinenstraße schlängelte sich in rund 30 Kurven herab. Die Sonne ging gerade hinter dem Berg am anderen Ende der Schlucht unter und ließ den nassen Asphalt golden glänzen, Weit unten sah man die etlichen kleinen Autos sich die Straße entlang schlängeln und jedes mal wenn wir eine Kurve passierten stockte mir der Atem aufgrund des unglaublichen und irrealen Anblicks.

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Ich merkte sehr schnell, ich war wieder in Chile! Allein die Häuser am Straßenrand, das gepflegte Bild und die vielen Weingärten ließen mich an meine drei Monate, die ich hier vor einiger Zeit verbracht habe zurückdenken. Ich war erstaunt wie sehr man den Unterschied merkte, ich dachte bisher immer Argentinien und Chile wären in etwa gleich, aber dem ist nicht so. Ich finde in Argentinien wirkt vieles unfertig, einfach lieblos und ohne Qualität. Es ist einfach alles dem Nutzen gewidmet, warum denn auch Platz sparen, sich Mühe für Ästhetik, geben? Es ist genügend Land bzw. Pampa da, und Ästhetik kostet Geld und das ist leider etwas, was Argentinien überhaupt nicht mehr hat.

Chile ist da anders, es wirkt alles wesentlich europäischer, es wurde auch viel Wert auf das Aussehen und Ansehen gelegt. Leider hat das auch seinen Preis, wie man es an der sehr traurigen Geschichte Chiles sieht.

Obwohl wir erst gegen 23:00 Uhr in Santiago ankamen, wir sind tatsächlich 26 Stunden gereist, war ich wirklich euphorisch und einfach nur glücklich. Es war fast wie Nachhause kommen und ich merkte, ich fühlte mich wesentlich mehr mit Chile verbunden als mit Argentinien und das erstaunte mich, da ich doch bisher wesentlich länger in Argentinien war.

Ich kann es nicht beschreiben warum, ich hatte es einfach im Gefühl. Vielleicht war es, weil ich in Chile einfach in einer anderen Schicht gelebt habe, weil ich in Argentinien schlechte Erfahrungen mit der Mentalität gemacht habe und in Chile nur positive. Ich weiß es nicht. Ich möchte hier auch das nicht zu weit ausführen, da meine Sicht da glaube ich schon zu subjektiv ist und ich kann meine beiden Erfahrungen auch nicht wirklich vergleichen. Aber generell fiel mir auf, dass die Chilenen viel herzlicher waren, sich viel mehr für einen interessieren. Ich habe in Argentinien immer das Gefühl, die Leute interessieren sich nur für sich selbst, sind nur auf ihr eigenes Erscheinungsbild bedacht. Ein Beispiel, in Argentinien sind die ersten Fragen beim kennenlernen immer: „Wie findest du Argentinien? Wie findest du die argentinischen Frauen? Magst du lieber Argentinien oder Deutschland?“ In Chile wurde ich sehr Ernst genommen und nicht gleich alles patriotisch durchleuchtet. Klar ich lebe hier auf dem Land und war in Chile in einer Großstadt, aber das ist mir auch in Buenos Aires oder in Cordoba aufgefallen! Ich hasse Vorurteile, oder gleich immer auf alle zu schließen, aber das hatte ich einfach im Gefühl und meinen Mitfreiwilligen ging es ähnlich, vielleicht hat jemand andere Erfahrungen gemacht, aber das sind eben meine!

Trotz der Müdigkeit ließen wir uns unseren ersten Samstagabend in einer Großstadt, seit einem halben Jahr nicht nehmen und es war ein richtiger Erfolg! So ausgelassen und fröhlich war ich schon lange nicht mehr, es war als würde ein riesiger Stein von meinem Herzen fallen. Der ganze Druck, der auf mir in San Marcos lastet viel schlagartig von mir, ich fühlte mich endlich nicht beobachtet und so das jeder über mich Bescheid weiß und es war das erste mal seit Deutschland, dass ich nicht eine riesige Verantwortung hatte. Ich war mir diesem Druck zwar nie so bewusst, aber er war trotzdem anwesend und erst in Santiago ist mir aufgefallen, wie sehr ich teilweise darunter leide, dass jeder Schritt den ich gehe, genauestens verfolgt wird, jeder Vorurteile über mich hat. Mir wurde meine große Verantwortung bewusst, das ist überhaupt nichts schlechtes, aber ich hatte ganz vergessen, wie man sich ohne diese Bürde fühlt.

Auf dem Land leben hat seine Vor- und Nachteile, ich habe San Marcos richtig in mein Herz geschlossen, würde dieses Jahr nie woanders verbringen wollen, aber dennoch ist es auch einfach mal schön dort wieder ausbrechen zu können.

Am Sonntag war eine große Sightseeingtour durch Santiago angesagt und wir sogen das Stadtbild in uns auf… ich war erstaunt, die Autos hielten an wenn man über die Straße läuft! Alles, was Buenos Aires ausmacht, fand ich in Santiago gegenteilig, die Stadt war sehr geordnet, einheitlich und irgendwie auch liebevoll. Mir gefiel es sehr gut, war aber trotzdem nicht wirklich etwas besonderes für mich, ich fühlte mich einfach wieder nach Europa zurückversetzt.

Wir besichtigten die Moneda, in der Allende seinen Selbstmord mit der Übernahme Pinochets begangen hatte, mir lief es kalt den Rücken herunter, ich konnte mir richtig die Panzer auf der Plaza vorstellen. Trotzdem mussten wir natürlich einige Touribilder von uns machen lassen, aber das war auch in Ordnung, wir waren nun schließlich Touristen und keine Freiwilligen!

La Moneda

La Moneda

Uschi und ich haben uns leckere Meeresfrüchte auf dem bekannten Fischmarkt in Santiago besorgt, mich faszinierte die riesige Auswahl und die vielen bunten Fische und Meeresfrüchte an den Theken, die anderen waren eher geekelt, aber gut sie haben ja auch noch nicht beim Schlachten einer Ziege zugesehen.

Am Montag wollten wir uns Valparíso ansehen. Ich stand schon früh auf und fuhr schon mal ohne die anderen Freiwilligen los, da ich mich mit meiner Austauschmutter zum Essen verabredet hatte (Von meinem dreimonatigem Schüleraustausch vor drei Jahren). Es war ein wirklich wirklich komisches Gefühl nach so langer Zeit wieder dort zu sein, ich ging durch die Straßen Valparaisos und erkannte alles wieder und doch irgendwie nicht, es war alles so ähnlich, aber doch anders, ich war anders. Jetzt wurde mir bewusst wie sehr ich mich selbst in der langen Zeit verändert habe und das war ein wirklich gutes Gefühl. Ich glaube man kann sich nicht konkreter mit seiner eigenen Vergangenheit auseinandersetzen als an alte Schauplätze zurückzukehren.

Da stand ich nun, alleine in Valparaiso, nach drei Jahren, und wartete darauf, dass meine Gastmutter erschien. Ich konnte mir wirklich nicht vorstellen wie es wird!

Ich erkannte sie sofort, sie mich erst nach dem zweiten Blick, wir umarmten uns herzlich und ich war einfach froh sie wieder zu sehen, ich war selbst überrascht. Wir gingen gemeinsam Essen und hatten sehr sehr viel zu bereden und diesmal komplett auf Spanisch, was mir damals noch recht schwer fiel. Nach einem langen Schwelgen in der Vergangenheit musste sie zurück zur Arbeit, lud aber mich und die anderen vier Freiwilligen Abends zu sich Nachhause ein.

Ich traf mich mit den anderen und zeigte ihnen Valparaiso, was ich noch wesentlich besser kannte als ich dachte. Es war echt schön an die selben Orte zu gehen wie früher, in den selben Straßen zu schlendern, einfach eine unbezahlbare Erfahrung!

Plaza Sotomayor

Plaza Sotomayor

Abends fuhren wir nach Vina del Mar, in das Haus, in dem ich drei Monate gelebt hatte. Das war ein wirklich komisches Gefühl, ich wusste noch alles ganz genau, die Straße, den Weg, einfach alles.

Ich trat zur Tür herein und fühlte mich fremd. Es war nicht mein Zuhause, ich war nur zu Besuch, ich erkannte vieles wieder, aber das Gefühl vom Nachhause kehren, so wie ich es vor drei Jahren hatte, blieb aus…

Wir aßen gemeinsam, unterhielten uns viel und es war einfach ein netter Abend. Die einzige komische Situation war für mich, als das Thema Pinochet angesprochen wurde, da war ich anderer Meinung als meine Austauschmutter, hielt es aber auch für undankbar ihr zu widersprechen, oder andere Argumente zu zeigen.

Ich war erleichtert, als wir abends zurück zum Hostel fuhren, irgendwie wusste ich selbst vorher nicht wie es werden würde zurückzukommen, nun ist es mir klar und es war schön, aber auch nicht mehr, ich hatte Chile nicht vermisst, es war eine schöne Zeit, aber das ist schon lange her und wird mir so für immer in meinem Gedächtnis bleiben, daran hat mein jetziger Besuch auch nichts verändert.

Am Dienstag mussten wir uns von Uschi verabschieden, wir vier fuhren aufs Zwischenseminar, sie fuhr zurück nach San Marcos.

Dann unser erfolgreicher Versuch das Pueblo Andaluz in Olmue zu finden. Wir dachten, erst einmal angekommen in dem Dorf wüsste schon jemand wo es hingeht, wenigstens die Touristeninformation, aber scheinbar gab es dieses Feriendorf nicht. Die Adresse war eine Straße ohne Hausnummer, die Route, in Richtung Santiago. Der Busfahrer kannte die Straße, das Pueblo Andaluz aber nicht. Er ließ uns heraus und meinte ganz selbstsicher wir müssten einfach nur die Straße in DIE Richtung herunterlaufen und dann würde es schon irgendwann kommen.

Wir waren im nichts, weit und breit keine Menschen, keine Autos, nur vereinzelte Häuser am Straßenrand. Wir quälten uns über den Asphalt bei glühender Sonne, mit den schweren Rucksäcken auf dem Rücken.

Nach einer halben Stunde sahen wir ein, dass wir hier falsch waren, zum Glück wartete eine Frau am Straßenrand auf den nächsten Bus, den wir dann auch nahmen und zurück nach Olmue fuhren. Dort fragten wir in der Touristeninformation, die konnten uns aber auch nicht wirklich weiterhelfen und nahmen dann schließlich ein Taxi.

Es stellte sich heraus, dass wir die Straße einfach in die falsche Richtung heruntergelaufen sind, fünf Minuten in die andere und wir wären da gewesen!

Nun kamen wir endlich, wenn auch mit knapp zwei Stunden Verspätung auf dem Seminar an. Ich sah gleich viele bekannte Gesichter vom Vorbereitungsseminar und die mir unbekannten waren mir gleich sympathisch!

Es war eine sehr schöne Woche, die bei mir genau das bewirkt hat, wofür sie vorgesehen war. Erholung, Mut gewinnen, aufgebaut werden und neue Motivation schöpfen. All das konnte ich aus dem Seminar gewinnen. Mir tat es gut zu hören, was die anderen Freiwilligen für Probleme hatten, oder auch welche Probleme sie nicht hatten. Mich hat es bestärkt Parallelen zu finden zwischen uns und der anderen Argentinien Gruppe, alles was ich mir vorher selbst zum Vorwurf gemacht hab, hatten sie auch durchgemacht, es ist einfach diese Mentalität, die sich so von der unseren unterscheidet und an die man auch sehr schnell aneckt.

Ich habe gesehen, dass wir fast die meisten Probleme im Projekt hatten, fast die meiste Arbeitszeit und in keinem anderen Projekt die gleichen Ansprüche gestellt und gleichzeitig die Freiwilligen mit so wenig Respekt behandelt wurden wie bei uns. Das hat mich einerseits sehr traurig gemacht, aber andererseits auch unheimlich bestärkt. Ich komme trotz den vielen Schwierigkeiten mit der Situation klar, ich meistere sie nicht, aber ich kann damit leben, ich lerne so am meisten, habe mit dem meisten zu kämpfen und scheine in dem Kampf nicht zugrunde zu gehen. Das hat mir wieder sehr viel Selbstvertrauen gegeben, sehr viel Motivation, den Kindern zu liebe mich wieder mehr zu engagieren, mich nicht durch das Verhalten der Mitarbeiter einschüchtern oder fertig machen zu lassen. Alles in allem hat es mich eigentlich stolz gemacht, dass ich es schaffe, dass ich wirklich sagen kann ich habe mein Bestes gegeben. Ich brauche keine hohen Erwartungen an mich stellen, ich habe sie schon, und wenn ich die Erwartungen darüber hinaus nicht erfülle, dann liegt es eben daran, dass die Erwartungen zu hoch sind, oder ich nicht dafür geschaffen bin, aber beides ist nicht meine Schuld, nicht auf irgendwelche Fehler meinerseits zurückzuführen.

Das Seminar war alles in allem genau das was ich brauchte!

Dann die Rückkehr, mir viel es schwer Chile hinter mir zu lassen, die zwei schönen Wochen als Vergangenheit abzuschließen, aber gleichzeitig war ich auch hochmotiviert und konnte es kaum erwarten meine vielen neuen Ideen in die Tat umzusetzen.

Nach 24 Stunden Reise die Ankunft, die Kinder freuten sich, die Mitarbeiter reagierten eher kalt. Ich merkte, wie fremd ich mich schon wieder fühlte, die Kinder hatten mich schon fast wieder vergessen und mussten erst einmal wieder austesten wie weit sie bei mir gehen konnten, wie sehr sie mir auf der Nase herum tanzen konnten. Es war eine sehr anstrengende Zeit, vor allem da ich über die zwei Wochen auch vergessen hatte, in was für einem Ton in dem Heim miteinander gesprochen wird, wie kalt und gedrückt die Stimmung manchmal ist, wie schwer es tatsächlich ist meine Ideen in die Tat umzusetzen und wie viel Geduld ich dafür brauche. Es war erst einmal sehr frustrierend! Dazu kam noch unserer Umzug in ein eigenes Haus, den ich lange herbei gesehnt habe.

Ja es stimmt, wir wohnen endlich alleine und das Haus hätte gar nicht besser sein können für den Preis, es war mit das günstigste was wir gefunden haben und gleichzeitig das Beste, einfach perfekt.

Wir wohnen nun zu fünft und langsam kehrt Ruhe ein. Ich merke wie sehr es mir gut tut endlich meine Ruhe zu haben, wirklich nach der Arbeit entspannen zu können, nur noch 7 Stunden am Tag dem Dauerstress und der schlechten Stimmung ausgesetzt zu sein und gleichzeitig kommt mir sie gar nicht mehr so schlecht vor.

Zu den Kindern habe ich wieder den Kontakt gefunden, sie haben mich erneut eingeschätzt und der Stress der ersten Tage ist wieder vorbei, ich hoffe auch, ich finde endlich in nächster Zeit die Motivation meine Ideen und Aktivitäten durchzusetzen!

Unser Haus!

Unser Haus!

Unsere Küche!

Unsere Küche!