Die Saison ist vorbei, San Marcos leert sich schlagartig und die ganzen Bars und Restaurants verschwinden wieder so schnell, wie sie aufgetaucht sind.
Mit dem Ende der Sommerferien wird San Marcos Sierras wieder das ruhige, verschlafene und entspannte Dorf, dass ich kennen gelernt habe. Ich finde beide Seiten haben etwas, es war echt spannend das ganze Dorf voller Hippies zu sehen und jeden Abend auf dem Hauptplatz irgendein Konzert oder eine Veranstaltung zu sehen. Nach einiger Zeit jedoch ging es mir auch ganz schön auf die Nerven ständig das kleine Dorf überfüllt zu sehen. Im Moment freue ich mich richtig auf die Ruhe in San Marcos, man läuft durch die Straßen und man kennt jeden den man trifft (zumindest vom sehen) und es ist alles so schön still und entspannt.
Außerdem begrüße ich, dass die Kinder nicht mehr den ganzen Tag im Heim hocken, jetzt nach gut zwei Monaten Sommerferien waren sie schon ziemlich unausgelastet und langweilten sich. Wir mussten uns ständig irgendetwas überlegen, um die Kinder zu beschäftigen und bei Laune zu halten, außerdem waren unsere Arbeitszeiten nicht so klar geregelt wie in der Schulzeit.
Schon eine Woche vorher haben wir uns auf den Schulbeginn vorbereitet. Fast jeden Tag haben wir mit den Kindern etwas gelernt und ihnen geholfen sich wieder ans arbeiten zu gewöhnen. Gerade die neuen Kindern, die vorher noch nie richtig zur Schule gegangen sind und immerhin schon 7, 8 und 10 Jahre alt sind, mussten wir ziemlich unterstützen, damit sie wenigstens schon einigermaßen den Stift halten können und wenigstens schon ein paar Buchstaben kennen.
Außerdem haben wir die Kleidung vernünftig vorbereitet, denn zur Schule ziehen die Kinder etwas bessere Klamotten an und müssen einen weißen Kittel drüber ziehen.
Am Donnerstag dann wurden die Kinder des ersten Schuljahres eingeschult, unsere beiden neuen waren da geteilter Meinung, das 7-jährige Mädchen war total aufgeregt und konnte es gar nicht erwarten, der 8-jährige Junge, der schon schlechte Erfahrungen mit der Schule gemacht hat, wollte überhaupt nicht hingehen und sich lieber langweilen. Als sie wiederkamen wirkten beide aber recht glücklich und erzählten mir stolz, dass sie jetzt auch Gitarre spielen könnten.
Am Freitag dann ging unsere Kleinste in den Kindergarten, als ich sie abholte zeigte sie mir sehr Ernst und stolz ihre ganzen neuen Freunde und was sie den Tag alles gemacht hatte. Ihre Kindergärtnerin, ich weiß nicht ob sie mich für ihren Vater hielt, erzählte mir, was für ein tolles und liebes Kind sie doch sei und lud mich auf den Elternabend ein.
Am Dienstag war dann der richtige erste Schultag, ich stand sehr früh auf um alles vorzubereiten und ich glaube ich war aufgeregter als die Kinder selbst, besonders mit den neuen Kinder, die über die Sommerferien hinzugekommen waren, fühlte ich mich sehr verbunden. Als ich alle Kinder weckte war ich wirklich überrascht, so lieb und respektvoll habe ich sie noch nie erlebt. Sie hörten wirklich sofort auf mich und machten alles, was ich ihnen sagte und das überdurchschnittlich schnell.
Ich gab allen Kindern noch einen Lolli mit und bin dann mit ihnen losgelaufen. Ein neues 7-jähriges Mädchen, dass in die zweite Klasse geht, war sehr schüchtern und sagte kein Wort. Ich nahm sie den ganzen Weg über bei der Hand und sie drückte ganz schön fest für ihr Alter. Ich konnte richtig mit ihr mitfühlen, wie es ihr ging, gleich schon nach der ersten Klasse die Schule wechseln zu müssen ist echt hart und vor allem dann noch neu in ein Heim zu kommen.
Als wir in der Schule ankamen wollte sie meine Hand gar nicht loslassen und erst als ich sie bis zur Lehrerin begleitete wirkte sie mutiger und ging mit einem Leuchten in den Augen zu ihren neuen Mitschülern.
In der Schule war so etwas wie eine Einweihungsfeier, die Direktorin hielt eine Rede, die argentinische Flagge wurde zur Nationalhymne gehisst und alle Schüler, besonders die Neuen wurden begrüßt.
Immer dann wenn die Eltern angesprochen wurden fühlte ich Trauer in mir aufsteigen. Von unseren Kindern waren die Eltern nicht dabei, da war ich die einzige Bezugsperson und ich fand es auch wichtig, dass ich das repräsentierte. Das muss unglaublich traurig für ein Kind sein, bei so etwas wichtigem wie dem ersten Schultag ohne Eltern zu sein und dann auch noch wiederholt darauf hingewiesen zu werden. Ich kann es mir nicht vorstellen!
Einige unserer Kinder drehten sich regelmäßig zu mir um und winkten mir zu, wieder einmal mehr wurde ich mir bewusst, wie gern ich die Kinder mittlerweile hatte und wie sie mir ans Herz gewachsen sind. Ich wurde mir auch wieder der Verantwortung bewusst die ich jetzt habe, ich bin den Kindern sehr wichtig und bin eine Vorbildperson und sogar in einigen Punkten Erzieher und ich möchte dieser Verantwortung auch gerecht werden. Auch deshalb möchte ich mich allen Problemen, die ich hier habe stellen und meine Arbeit als Freiwilliger so gut wie möglich machen, ich möchte die Kinder nicht im Stich lassen, dessen bin ich mir bewusst geworden, egal wie wenig oder wie viel dadurch erreicht wird!
Als ich von der Schule zurück kam war das Heim auf einmal so leer, wie schon lange nicht mehr. Lediglich 5 Kinder blieben, bei zweien war noch nicht klar auf welche Schule sie jetzt gehen, da sie den Absprung von der Sonderschule geschafft hatten, zwei andere haben nachmittags Unterricht und unsere Kleinste, die ebenfalls erst nachmittags in den Kindergarten muss. Ich fand es sehr angenehm, sich einmal in Ruhe mit den Kindern beschäftigen zu können, ohne gleich auf 20 andere aufpassen zu müssen. Alles in allem freue ich mich wirklich, dass die Schule wieder angefangen hat, ich glaube zum ersten mal in meinem Leben.
Als die Kinder wiederkamen galt es Hausaufgaben zu machen, endlich mal etwas, wobei ich mich wirklich nützlich fühle und den Kindern aktiv helfen kann.
So, schon wieder so viel geschrieben, jetzt zum Schluss noch das Neueste:
Es ist Halbzeit, das bedeutet wir müssen nicht länger im Heim wohnen und können uns endlich etwas eigenes suchen. Die letzten Tage haben wir auch fleißig im Dorf gesucht wurden aber ziemlich enttäuscht entweder wegen mangelhafter Wohnungen, oder überzogener Preise. Nachdem wir alle schon ziemlich frustriert waren, haben Tobi und Derya heute Nachmittag eine Wohnung gefunden die alle unsere Voraussetzungen erfüllt und auch preislich bezahlbar ist. Ich hoffe, dass es damit klappt, dann würden wir zu fünft zusammen ziehen, Derya, Tobi,Tina Hannah und ich.
Morgen geht es dann mit dem Nachtbus nach Santiago de Chile zum Zwischenseminar, welches Dienstag beginnt. Davor werden wir uns noch ein paar Tage Santiago angucken und ich hoffe ich finde Gelegenheit meine Austauschfamilie in Vina del Mar zu besuchen. Ich halte euch auf dem laufenden!