Archive for Juli, 2011

Talampaya

Samstag, Juli 16th, 2011

Unser Jahr hier ist fast vorbei, die Kinder Fragen immer häufiger wann wir denn gehen und werden bei der Antwort oft wütend oder traurig, manche reagieren gleichgültig, andere freuen sich, besonders wenn sie gerade wütend sind. Viele der Kinder sind den stetigen Wechsel der Freiwilligen bereits gewohnt und machen sich daraus nicht viel, aber diejenigen die dieses Jahr neu dazu gekommen sind sehen unserer Abfahrt traurig entgegen, wir sind für sie die ersten Freiwilligen und sie haben zu uns eine besondere Verbindung aufgebaut.

Zu diesem Thema bat uns Julio, dass wir mit den Kindern ein abschließendes Projekt abhalten, was wir finanzieren und größtenteils organisieren.

Nach langem überlegen, was denn das besondere Projekt sein könnte erzählte Julio uns von seiner Idee mit den Kindern für zwei Tage in den 500 km entfernten Nationalpark „Talampaya“ zu fahren und dort eine Nacht zu Campen. Wir waren begeistert von der Idee, ich störte mich ein bisschen an der Entfernung, aber 500km sind für argentinische Verhältnisse ein Katzensprung.

Die erste Frage, wie finanzieren wir dieses Projekt?

An dieser Stelle möchte ich mich bei allen Spendern bedanken die so zahlreich auf unsere Anfrage reagiert haben, ihr habt diese Fahrt möglich gemacht und die Kinder werden es nie vergessen, es war ein einzigartiges Erlebnis und ohne eure Hilfe nicht möglich gewesen!

Vielen Dank!

Von dem Spendergeld bezahlten wir neue Schlafsäcke für alle Kinder, das Benzin, den Eintritt in den Nationalpark und ein reichliches Abendessen für die Kinder. Zum Glück kam uns der Betreiber entgegen und vergünstigte auf Julios Anfrage die Preise um mehr als die Hälfte.

Mit sehr großer Unterstützung der Mitarbeiter wurde alles sehr schnell und spontan organisiert, sodass wir Freitagmorgens um 7:00 Uhr mit zwei vollbeladenen Kleinbussen und einem Pkw fahrbereit waren.

Der eine Bus, ursprünglich das selbst gebastelte Wohnmobil Julios, wurde notdürftig mit Matratzen als Sitzen und Anschnallgurten für die Beförderung der Kinder hergerichtet, ich fuhr mit Daniell, einem Freund von uns und dem Heim in eben diesem Wagen mit allen Jungs mit. Sehr zuvorkommend boten mir die Jungs den Beifahrersitz an, was ich dankend annahm. Die Aussicht auf 7 Stunden eine Matratze als Sitz zu haben behagte mir nicht sehr und die Kinder fanden es umso aufregender.

Die "aufregenden" Sitze

Die "aufregenden" Sitze

Also ging es los in unserer Karawane, die sandigen Straßen San Marcos entlang. Kaum auf der geteerten Hauptstraße angelangt wurde Daniell auf einmal panisch, er bekam den 3. Gang nur sehr schlecht und den 4. überhaupt nicht rein, die anderen Fahrzeuge fuhren aus unserer Sichtweite. Julio kehrte sichtlich genervt zurück und meinte, er würde jetzt dieses Fahrzeug fahren, doch auch er bekam die Gänge nicht rein und verzweifelt ließ er seinen Kopf auf das Lenkrad fallen. Das war es dann auch schon mit unserem so schön geplanten Ausflug, kaum 2km zurückgelegt fuhren alle mit hängendem Kopf ins Heim zurück, wir machten Frühstück und alle waren einfach nur niedergeschlagen.

Adrian wurde geweckt, er hat früher als Mechaniker gearbeitet und machte sich sofort an die Reparatur des Mercedes. Sehr schnell fand er den Fehler im Getriebe, baute das kaputte Teil aus und bearbeitet es mit seinen Werkzeugen stolz zeigte mir Julio das Teil und zeigte mir das eingravierte Mercedes Zeichen: „Deutsche Qualität aus dem Jahre 1969 und bisher ist nichts kaputt gegangen!“ „Der hat Nerven jetzt von Qualität zu sprechen“, dachte ich.

Der Motor heulte auf, der Gang wurde eingelegt und tatsächlich der Mercedes lief wieder, dank Adrian, dem Retter unseres Ausflugs, der innerhalb Einer Rekordzeit das Auto repariert und fahrbereit gemacht hatte. Nun ging es tatsächlich los, ich hoffend, dass es bei diesem einen kleinen Unfall bleiben sollte.

Guter Laune fuhren wir Ewigkeiten die langweiligen Straßen entlang, die nur geradeaus führten und an amerikanische Roadmovies erinnerten. Zahlreiche Polizeikontrollen hielten uns an und kontrollierten, ob denn auch alle Kinder angeschnallt seien, ob angeschnallt oder nicht ist auch egal bei den Sitzen, dachte ich, aber es ging trotzdem alles gut.

Wir überquerten die Grenze der Provinz Cordoba und waren nun in „La Rioja“, eine Wüstenprovinz in dem der besagte Nationalparkliegt. Die Straßen wurden noch langweiliger und führten noch mehr geradeaus, gelegentlich sah man Kakteen am Straßenrand.

Wüste

Wüste

Nach einiger Zeit war ich an der Reihe zu fahren, was mir trotz der echt langweiligen Strecke richtig Spaß machte endlich mal wieder mit höherer Geschwindigkeit zu fahren.

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60km vor dem eigentlichen Besucherzentrum begann der Nationalpark, mit rauen Felsformationen, Kakteen und ausgetrockneten Flüssen, das letzte Dorf war bereits 30km entfernt, ein echtes Niemandsland hier.

Angekommen sahen wir den 10km entfernten roten Canyon, der die Attraktion dieses abgelegenen Naturschauspiels ist. Mit den Kindern bauten wir die Zelte auf, es war heiß, windig und bis auf das Kindergeschrei totenstill. Für die Kinder war es das Paradies und für mich war es schön alle ausnahmslos glücklich zu sehen. Bereits die Fahrt hatte ihnen Spaß gemacht, mit Gesang und ohne weitere Zwischenfälle haben sich alle erstaunlich gut benommen. Für mich war es unvorstellbar, doch tatsächlich für sie ist ein Ausflug etwas sehr besonderes, ich erinnerte mich an meine eigene Kindheit und für mich war es mehr oder weniger normal längere Strecken zu fahren, was ich eigentlich immer als unangenehm empfunden hatte, aber für die Kinder war es einfach nur toll endlich aus dem Heim herauszukommen und etwas von der Welt zu sehen, die für sie tatsächlich nur aus dem Heim, ihrem Geburtsort und Cordoba besteht. Danach kommt für die Kinder Buenos Aires, das Meer und dann Deutschland, wenn überhaupt.

(Ich habe nach dem Ausflug viele Kinder gefragt wo sie später leben wollen, als Antworten kamen entweder Cordoba, Talampaya oder Deutschland, etwas anderes kennen sie nicht.

Hierzu noch eine witzig/traurige Geschichte, ich hatte einem Kind einmal Fotos von meiner Reise nach Patagonien gezeigt und er war echt beeindruckt von den Bildern, ich habe oft betont dass es sich um Patagonien handelt, was im Süden liegt. Am Ende antwortete der 12 jährige Junge mir: „Boah echt schön habt ihr es da unten in Deutschland!“ Für ihn war es selbstverständlich Deutschland, da ich ja aus Deutschland kam!)

Den Nachmittag verbrachten wir mit Ballspielen, Süßigkeiten essen und Wüstenerkundungen, die selbst für mich spektakulär waren. Der Boden bestand aus rötlichem Ton und war ein ausgetrocknetes Flussbett ein etwas weiter entfernter Hügel bestand aus Kristall, an dem man gut die unterschiedlichen Sedimente erkennen konnte. Ich erklärte den interessierten Kindern etwas über Geologie und sie nahmen sich alle kleine Kristalle mit, die sie später den anderen zeigten indem sie erklärten, sie haben einen Schatz gefunden, der tausende von Jahre alt sei! Nicht ganz das was ich erklärt hatte, aber trotzdem irgendwie treffend.

Abends aßen wir dann im Besucherzentrum ein großes Abendessen, jeder bekam ein halbes Hähnchen, Salat und Pommes, zu meinem großen Erstaunen aßen fast alle Kinder auf.

Nachts, es war bereits bitterkalt, gingen alle Kinder aufgeregt in die Zelte, für viele war es die erste Nacht überhaupt die sie in einem Zelt verbrachten. Ich schlief mit Tobi und Derya im Fußraum des anderen kleinen Busses, auch hier im Bus war es sehr kalt!

Ich glaube keins der Kinder hatte diese Nacht ein Auge zu getan, für sie war es so aufregend und sie erzählten sich Geschichten, sangen und spielten, ich jedenfalls schlief kein bisschen, sodass ich ihnen die ganze Nacht zuhören konnte.

Am nächsten Morgen begann dann die eigentliche Tour durch den Canyon! Wir fuhren in einem Auto durch das ausgetrocknete Flussbett durch den 100m hohen Canyon.

Bizarre Formationen, mit viel Fantasie konnte man in dem roten Fels viele unterschiedlich Skulpturen erkennen. Wir stiegen an unterschiedlichen Stellen aus, an einer sah man alte Wandmalereien der ausgerotteten Ureinwohner, an anderen besondere Felsen, die sich durch das Wasser abgeschliffen herausgehoben haben. Es war insgesamt einfach nur beeindruckend und auch die Kinder kamen aus dem Staunen nicht heraus. Ab 9:00 Uhr war es vorbei mit den Minusgraden und es wurde wieder sehr heiß.

Am Ende des Canyons

Am Ende des Canyons

Müde und kaputt von der ganz besonderen Tour fuhren wir zurück zum Campingplatz und grillten mit den Kindern Chorizos, Paprikawürste, von denen wir Hotdogs machten.

Gegen Nachmittag machten wir uns auf den Heimweg, diesmal fuhr ich mit Tobi zusammen den Mercedes, Daniell ist von dem Nationalpark aus weitergefahren zu seiner Familie, die in einer Nachbarprovinz wohnt.

Die erste halbe Strecke fuhr Tobi, danach fuhr wieder ich. Am Ende wurden die Kinder sehr unruhig, waren müde, wollten Nachhause, blieben nicht auf ihren Sitzen und machten Unsinn. Tobi und mir viel es sehr schwer sie ruhig zu halten. Mit der Provinz Cordoba begannen dann auch wieder die Polizeikontrollen und ich wurde oft sehr skeptisch begutachtet, manchmal musste ich Führerschein, Fahrzeugpapiere oder sonstiges vorzeigen.

Ich schärfte den Kindern jedes mal ein angeschnallt zu bleiben und sich ruhig zu verhalten. Irgendwann fragte mich ein Polizist etwas auf Spanisch, was ich nicht verstand, er wiederholte es, ich verstand es immer noch nicht, blickte Tobi fragend an, der es verstanden hatte und schnell versuchte mir es zu erklären, doch da forderte mich der Polizist sichtlich genervt auf weiterzufahren. Nach einer viertel Stunde bedeuteten mir die anderen beiden Wagen anzuhalten und Julio schritt energischen Schrittes zu mir und brüllte die Kinder an, was sie sich denn dabei denken würden. Ich fragte ihn was los sei und er erklärte mir, dass einige Kinder bei der letzten Polizeikontrolle nicht angeschnallt gewesen seien und wir nur mit sehr sehr großem Glück davongekommen sind. Tobi und ich wussten sofort Bescheid.

Der Polizist hatte mir gesagt: „Sie wissen schon, dass sie nicht so mit den Kindern fahren dürfen!!!“

Offensichtlich nicht“, hatte er sich bestimmt dazu gedacht und mich weiter gewinkt. Hätte ich ihn richtig verstanden und mich nicht blöd gestellt hätten dem Heim knappe 500€ Strafe gewunken, was nun wirklich unnötig und sehr vernichtend gewesen wäre. Zum Glück verlässt mich mein ansonsten gutes Spanisch in Stresssituationen! Diesen Trick muss ich mir merken! Wenn ich es verstanden hätte, was hätte ich darauf antworten können und es wäre so oder so auf die Strafe hinausgelaufen.

Der Rest der Fahrt verlief sehr glimpflich und die Jungs schliefen nach dem Ärger allesamt. Ich hatte sie tatsächlich nie so ruhig gesehen wie an dem Moment als wir ankamen.

Alles in allem war die Fahrt ein riesiger Erfolg, den die Kinder sicherlich nie vergessen werden. Ich möchte mich noch einmal bei allen Spendern bedanken, die dies möglich gemacht haben! Weitere Spenden sind natürlich nie zu spät, wir haben noch einen weiteren Ausflug mit den Kindern vor, falls alles klappt.

Vielen Dank noch einmal, auch seitens der Kinder, die wissen, dass es nur möglich war durch die finanzielle Unterstützung unserer Familien und Freunde.