Mein Weltwärtsjahr ist vorbei, ich bin wieder heile in Deutschland, angekommen und blicke nun mit sehr gemischten Gefühlen zurück.
Ich hatte einerseits ein wundervolles Jahr, hatte Zeiten in denen es mir einfach gut ging. Ich habe viele Freunde gefunden, habe viel gelernt, bin um viele Erfahrungen reicher und wirklich froh die Entscheidung zu einem Weltwärtsjahr getroffen zu haben.
Andererseits jedoch hatte ich auch viele Tiefpunkte, ich war oft frustriert, überarbeitet, musste mit vielen Dingen kämpfen oder hatte einfach nur Heimweh.
Vor einem Jahr bin ich hoch motiviert in San Marcos Sierras, einem kleinen Dorf in der Provinz Cordoba in Argentinien angekommen.
Die ersten drei Monate waren einfach nur toll, ich habe alles mitgenommen, habe die Eindrücke in mir aufgesogen, mich über schöne Momente gefreut und die schlechten als eine Erfahrung mehr gesehen.
Nach sechs Monaten jedoch kam der Tiefpunkt, ich hatte eine wundervolle Reise hinter mir, hatte das Ende der Welt gesehen und war nun wieder in dem kleinen Dorf mit einer Arbeit, die mich zu der Zeit nur frustrierte, hatte Probleme mit den Mitarbeitern, war unzufrieden, dachte sogar nach einem Streit mit dem Projektleiter an einen Projektwechsel. Ich entschied mich dazu, das Jahr durch zuziehen, mich mit den Problemen auseinander zusetzen und nicht davor wegzulaufen. Außerdem hatte ich viele Freunde gefunden und wollte diese nicht hinter mir lassen.
Auch zu den Kindern habe ich ein besonderes Verhältnis aufgebaut und wollte diese nicht einfach so vergessen. Ich entschloss mich dazu zu kämpfen, die Probleme anzupacken und meine Situation zu verbessern.
Das war zuerst gar nicht so einfach. Meine Motivation war verschwunden und ich saß meine Arbeitszeit einfach nur ab, erledigte die Routineaufgaben und ging an alles ohne Begeisterung heran. Mir fehlten Erfolgsmomente, Lob oder positive Seiten der Arbeit. All das konnte ich nicht finden und hörte immer nur das, was ich schlecht machte.
In solchen Momenten fällt es einem schwer die Vorwürfe nicht persönlich zu nehmen, man fühlt sich schlecht und denkt man könne es nicht. Tatsächlich habe ich gemerkt, dass ich nicht sehr viel Spaß an der Arbeit mit Kindern habe und eher dadurch frustriert werde.
Ich konnte auch nicht aus dem Loch der Motivationslosigkeit herausbrechen und wurde immer frustrierter und verbitterter, ein Teufelskreis.
Zum Glück hatten wir nach etwa sieben Monaten das Zwischenseminar. Dort sammelte ich wieder Motivation, Mut, ich bekam Anregungen und Vorschläge zur Verbesserung der Situation und ich hatte wieder jede Menge Ideen zu Aktivitäten oder Projekten, die ich im Heim durchführen könnte.
Als wir wieder ins Heim zurückkehrten war es zuerst wieder wie vorher, ich war enttäuscht, bekam wieder den schlechten Umgang untereinander mit und dachte es würde sich so schnell nichts ändern.
Doch das tat es, langsam verbesserte sich wieder das Verhältnis zu den Mitarbeitern. Dazu hat auch Marianne, eine Mitarbeiterin VIA´s nicht unwesentlich beigetragen. Sie besuchte uns, nachdem wir unsere Schwierigkeiten gegenüber VIA geäußert hatten.
Zwischen uns und den Mitarbeitern ist tatsächlich eine große Barriere entstanden, die nur durch eine dritte Partei überwunden werden konnte.
Seitdem hat sich alles deutlich verbessert, wir haben uns wieder mit den Projektleitern angefreundet, uns regelmäßig zum Essen getroffen, um über die Arbeit zu reflektieren, Probleme zu besprechen und auch einfach um die Kommunikation aufrecht zu erhalten. Wir wurden plötzlich respektiert und geschätzt, der Umgangston während der Arbeit hatte sich zwar immer noch nicht verbessert, aber wir wurden aktiv mit einbezogen, erledigten nicht nur stumpf unserer Routine, sodass wir auch gut auf die Kinder eingehen konnten. Beispielsweise wurden unsere Vorschläge respektiert, wie wir die Situation der Kinder verbessern könnten, auf unsere Ideen wurde im Sinne der Kinder eingegangen, was vorher nicht immer der Fall war.
So sehr sich die Situation auch verbessert hatte, mir viel es trotzdem schwer, mich wieder für das Projekt zu begeistern und nicht nur die Routinearbeit zu erledigen. Für mich ist einfach zu viel passiert, als dass ich mich wieder richtig in die Arbeit integrieren konnte, aber ich strengte mich trotzdem an und versuchte das Beste daraus zu machen.
Im Rückblick auf das Jahr sehe ich es als sehr sinnvoll, wir waren in einem Projekt, in dem die Freiwilligen zwingend gebraucht werden, wir agierten als Erzieher, Putzkräfte und als Pädagogen. Auch waren wir für die Freizeitgestaltung der Kinder verantwortlich.
Ohne die Freiwilligen bräuchte das Heim mindestens zwei Arbeitskräfte mehr, was es sich vom jetzigen Etat nicht erlauben kann. Das Geld müsste gespart werden, oder es würden einfach nicht die benötigten Arbeitskräfte eingestellt werden, was alles die Entwicklung und sogar die Sicherheit der Kinder negativ beeinflussen würde.
Wir waren hilfreich, nützlich und im übertragenen Sinne haben wir Entwicklungshilfe geleistet, da wir dort gearbeitet haben, wo es am wichtigsten ist, bei den Kindern, der nächsten Generation, die ohne das Heim immer noch schreckliches in ihrer Familie erleben würde.
Das Schwierige an der Arbeit mit Kindern ist, dass man oft keine direkten Erfolge sieht, oft wird man enttäuscht, man weiß nicht wie es den Kindern in 20 Jahren gehen wird, ob sie doch den traumatischen Erlebnissen erliegen , die sie in ihrer frühen Kindheit erlebten oder es in ein geregeltes Leben schaffen.
Das war ein Thema der Arbeit, welches mich sehr beschäftigte und zugleich frustrierte. Die Statistik sprach gegen unsere Arbeit. Etwa 80% der Kinder in diesen Verhältnissen enden so wie ihre Eltern, oder schlimmer.
Ich konnte jeden Tag mit ansehen wie schwierig eine Kindheit im Heimalltag ist, wie wenig Platz für Glück und Unbeschwertheit bleibt und wie schwer es ist einem Kind ohne Eltern Selbstvertrauen oder Erfolgsmomente zu geben.
Andererseits besteht eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass manche Kinder es schaffen aus dem Kreis des Elends auszubrechen, dass man präventiv mit einer kleinen Wahrscheinlichkeit späteres Elend vermeiden kann. Jedes Kind sollte zumindest die Chance auf eine unbeschwerte Kindheit und Schutz vor Gewalt haben.
Dass dies in der Realität nicht möglich ist, sah ich an jedem Kind welches direkt aus seiner Familie kam. Bereits entstandener Schaden ist nicht wiedergutzumachen und selbst ein Heim ermöglicht keine Entfaltungsmöglichkeiten und vor allem nicht immer Schutz.
Ich sehe das Heim nicht als die perfekte Möglichkeit den Kindern die Möglichkeit zur späteren Entfaltung zu geben, dafür war gerade unser Heim in Argentinien viel zu sporadisch, es wurde viel zu wenig auf die Kinder eingegangen, Platz für Individualität blieb keiner. Oft erfuhren die Kinder immer mehr Enttäuschungen und wurden wütend, einiges gehört zur normalen Erziehung dazu, anderes war einfach nur Repression des eigentlichen Charakters der Kinder. Zu Anfang konnte ich gerade diesen Umgang mit den Kindern nicht verstehen, jetzt tue ich es. Der Grund ist einfach schlichtweg Überarbeitung oder zu wenig Erfahrung, die Mitarbeiter waren überarbeitet, wir Freiwilligen unerfahren. Eigentlich wären in diesem Heim ein oder mehr pädagogische Mitarbeiter zwingend nötig, Vorbilder für die Kinder, die erzieherische Aufgaben wahrnehmen. Da diese Mitarbeiter nicht existieren und auch nicht existieren werden, solange sich nichts an dem Staatshaushalt Argentiniens ändert, müssen dies unerfahrene Freiwillige übernehmen, was immerhin besser ist, als Kinder die sich selbst überlassen sind.
Wir konnten dem Heim aktiv helfen, ohne die deutsche Weltwärts Unterstützung hätte es schon vor drei Jahren schließen müssen, so unser Projektleiter. Außerdem entsteht durch die Freiwilligen auch eine finanzielle Unterstützung, durch Spenden usw.
Ich selbst stehe meinem persönlichen Jahr eher kritisch gegenüber, ich weiß es war nicht perfekt, oft frustrierend und ich konnte auch nicht viel bewegen so ganz ohne Erfahrung. Jeder an meiner Stelle hätte annähernd das gleiche an Hilfe leisten können. Dennoch tut es nicht jeder und allein meine Entscheidung und Motivation zu diesem Jahr konnte etwas bewirken. Abgesehen davon habe ich unglaublich viele Erfahrungen gesammelt und bin an der Arbeit gewachsen. Ich bin im Nachhinein froh, dass es zwischenzeitlich so schwer war, so konnte ich am meisten daraus gewinnen und erfahren mit gravierenden Problemen umzugehen. Ich glaube tatsächlich, dass es selten eine so schwere Arbeit gibt wie die unsere.
Ich bin wirklich froh nicht vor den Problemen weggelaufen zu sein und auch darauf, dass ich mir nicht still alles hab gefallen lassen. Wir haben unsere Probleme auf angemessene Weise gelöst und dadurch bewirkt, dass die nächste Generation Freiwilliger es wesentlich leichter hat. Ich habe gesehen, wie die Fehler, die bei uns zu Anfang gemacht wurden sich nicht wiederholten.
Für mich war es trotz allem schwierig zu gehen, nach allem was passiert ist, nach allem was ich in dem kleinen Dorf San Marcos erlebt habe, ist es für mich zu meiner zweiten Heimat geworden. Mir viel es sehr schwer alle Kinder hinter mir zu lassen und denke immer noch oft an sie, wie es ihnen jetzt ergeht und ob sie ein schönes Leben haben werden. Ich vermisse jetzt schon vieles an Argentinien und ich werde dieses Jahr immer als sehr wertvoll in meiner Erinnerung behalten.
Mit einem Lächeln denke ich an die schönen Momente zurück, die ich zusammen mit den Kindern verbringen durfte.